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Verlegung von Soldaten : Eine neue Karte im Iran-Poker

Ein Kampfflugzeug beim Start von dem Flugzeugträger „USS Abraham Lincoln“ im Persischen Golf, aufgenommen am Freitag. Bild: AP

Das Pentagon prüft angeblich, bis zu 120.000 weitere Soldaten in den Nahen Osten zu entsenden. Präsident Trump dementiert – würde ihm ein solcher Plan neue Handlungsoptionen bieten?

          Es ist das jüngste Versatzstück der sicherheitspolitischen Drohkulisse, die Amerikas Regierung dieser Tage gegenüber Iran errichtet, und militärisch betrachtet ist es zugleich das größte: Die Vereinigten Staaten prüfen laut einem Medienbericht, bis zu 120.000 Soldaten in den Nahen Osten zu verlegen für den Fall, dass Iran amerikanische Streitkräfte in der Region angreift oder die Arbeit an seinem Atomwaffenprogramm beschleunigt. Wie die Zeitung „New York Times“ am Montagabend unter Berufung auf mehrere, nicht namentlich genannte Regierungsbeamte meldete, soll der amtierende Verteidigungsminister Patrick Shanahan einen entsprechenden Plan am vergangenen Donnerstag bei einem Treffen der wichtigsten Sicherheitsberater von Präsident Donald Trump vorgelegt haben.

          Trump selbst dementierte den Bericht am Dienstag und bezeichnete ihn als „Fake News“. Über die Entsendung von bis zu 120.000 Soldaten sagte er: „Würde ich das machen? Absolut. Aber das haben wir nicht geplant. Hoffentlich werden wir das nicht planen müssen. Und wenn wir müssten, würden wir verdammt viel mehr Truppen schicken.“

          In Auftrag gegeben wurde der Plan dem Bericht zufolge von den antiiranischen Falken in Trumps Kabinett rund um seinen Nationalen Sicherheitsberater, John Bolton. Es wäre der zweite dieser Art. Schon im September vergangenen Jahres hatte Bolton das Pentagon dazu aufgefordert, das Weiße Haus mit Optionen für einen Militärschlag gegen Iran zu versorgen. Darüber hatte zuerst das „Wall Street Journal“ im Januar berichtet.

          Bolton hatte am Sonntag vor einer Woche mit viel Tamtam die Verlegung des Flugzeugträgers „USS Abraham Lincoln“ samt Begleitschiffen und einer Staffel Langstreckenbomber in die Region angekündigt. Dabei handelte es sich letztlich aber um Routineeinsätze, die von den Streitkräften in der Region wahrgenommen werden. Am vergangenen Samstag dann hatte das Pentagon bekanntgegeben, noch ein weiteres Kriegsschiff in den Golf zu verlegen. Die „USS Arlington“ ist für gegnerisches Radar nur schwer zu orten, kann Hunderte Marineinfanteristen oder amphibische Fahrzeuge transportieren und führt zusätzlich ein Flugabwehrraketensystem des Typs „Patriot“ mit.

          Der angebliche Plan, 120.000 Soldaten in den Nahen Osten zu verlegen, würde indes all diese Signale in den Schatten stellen. Zwar verfügen die Vereinigten Staaten schon heute über eine große Präsenz in der Region. Das renommierte Londoner „Institut für strategische Studien“ ging zuletzt davon aus, dass allein in Bahrein, dem Irak, Jordanien, Kuweit, Qatar und Syrien zusammengerechnet knapp 40.000 amerikanische Soldaten stationiert sind oder sich im Einsatz befinden. Dabei sind die Tausenden Soldaten an Bord der Kriegsschiffe im Persischen Golf noch nicht einmal mit eingerechnet. Die zusätzliche Verlegung solcher großen Truppenkontingente würde die amerikanischen Streitkräfte in der Region jedoch auf eine Größe anschwellen lassen, wie sie die Welt nicht mehr gesehen hat, seit die Vereinigten Staaten 2003 in den Irak einmarschierten.

          Über die Ziele, die Washington mit einer Truppenaufstockung verfolgen könnte, ist so gut wie nichts bekannt. Eine Invasion Irans, so die „New York Times“, sehe der Plan nicht vor. Sie wäre wohl selbst für die Amerikaner kaum zu leisten. Unter Militärfachleuten gelten die Kosten eines solchen Unterfangens schon lange als gigantisch. In einer umfangreichen Studie gelangte eine große Gruppe ehemaliger amerikanischer Regierungsvertreter und Fachleute für nationale Sicherheit bereits 2012 zu der Einschätzung, dass die Besetzung Irans den Vereinigten Staaten den Einsatz von mehr Ressourcen und Menschen abverlangen würde, als es die Kriege im Irak und in Afghanistan seit den Terroranschlägen im September 2001 getan hatten.

          Umgekehrt erscheint die nun kursierende Zahl an Soldaten für eine ganze Reihe militärischer Optionen als zu groß. Denn zu einzelnen Präzisionsschlägen wären die Vereinigten Staaten mit den zur Verfügung stehenden Luft- und Seestreitkräften in der Region zweifellos heute schon in der Lage; ebenso zu Kommandounternehmen mit Spezialkräften. Ganz zu schweigen von Cyberangriffen, die ohnehin von nahezu jedem Ort der Welt initiiert werden können.

          Am wahrscheinlichsten erscheint es, dass die angeblich von Sicherheitsberater Bolton in Auftrag gegebenen neuen Pläne darauf abzielen, Präsident Trump eine Reihe neuer Optionen zu bieten, die im breiten Spektrum zwischen den vorhandenen Fähigkeiten und einer Invasion Irans anzusiedeln sind. Dabei könnte es sich um zusätzliche Flugabwehrraketenverbände handeln, die eigene oder verbündete Einrichtungen im Falle eskalierender Spannungen verteidigen, ebenso wie um Sicherungskräfte für bedrohte Infrastruktur oder Kontingente, die begrenzte militärische Landungsoperationen vornehmen können.

          Aus amerikanischen Fachkreisen heißt es, dass der freie Seehandel eines der wichtigsten Ziele der Vereinigten Staaten bleibe. Sollte Iran sich also anschicken, die Zufahrt in den Persischen Golf zu unterbinden, könnte demnach die Rückgewinnung der Kontrolle über die Straße von Hormuz eine wichtige Rolle spielen. Etwa durch die Besetzung iranischer Inseln in der Einfahrt zum Persischen Golf oder die zeitweise Besetzung kleinerer Küstenabschnitte, um etwa Aktivitäten iranischer Schnellboote zu unterbinden. „Barack Obama hat sich stets beschwert, dass er nicht genug Optionen gegenüber Iran habe“, sagte ein ehemaliger ranghoher Offizier der amerikanischen Streitkräfte im Gespräch mit dieser Zeitung. Mit Boltons jüngster Anforderung könnte Obamas Nachfolger genau die bekommen.

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