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Terror-Freitag : Eine konzertierte Operation des IS?

Bild: dpa

Drei Anschläge in drei Ländern – und das an einem Tag. Hat der „Islamische Staat“ die Terrorserie organisiert? Eine Analyse.

          So etwas hat es noch nicht gegeben: Innerhalb weniger Stunden schlugen in drei Ländern, Tausende Kilometer voneinander entfernt, die Attentäter zu. In Tunesien zückte ein Student aus der ärmlichen nordtunesischen Provinz Siliana im beliebten Ferienort Port El Kantaoui ein Schnellfeuergewehr und erschoss Dutzende Urlauber, unter denen sich auch mindestens ein Deutscher befand. In Frankreich versuchte der 35 Jahre alte Salafist Yassin Sahli vermutlich die Fabrik Air Products in Saint-Quentin-Fallavier, südlich von Lyon, in die Luft zu jagen, nachdem er den Kopf seines enthaupteten Chefs auf einen Zaunpfeiler gespießt hatte. In Kuwait schließlich sprengte sich während des Freitagsgebets ein Selbstmordattentäter in der schiitischen Imam-Sadik-Moschee im Osten der Stadt in die Luft und riss mindestens 27 Gläubige in den Tod. Hunderte weitere wurden verletzt.

          Die erste Enthauptung auf französischem Boden, der verheerendste Angriff auf Touristen in Tunesien, der erste Anschlag des IS auf eine schiitische Moschee in Kuwait – nichts liegt näher als die Frage, die viele Menschen in Deutschland, in Europa, in Nordafrika und am Persischen Golf nun umtreiben dürfte: Waren die Anschläge orchestriert? Ist die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) mittlerweile dazu in der Lage, mit ihren Kriegern komplexe Operationen außerhalb ihres Herrschaftsbereiches vorzubereiten und durchzuführen, unbehelligt und unbeobachtet von den Sicherheitskräften und Geheimdiensten der jeweiligen Länder?

          Der „Islamische Staat“ tat nach den Anschlägen eifrig einiges dafür, um diesen Eindruck zu erhärten. Er bekannte sich zu den Anschlägen in Kuwait und Tunesien. In Frankreich erübrigte sich das Bekenntnis. Das übernahm der Attentäter Sahli gleich selbst. Er hielt bei der Tat eine Islamistenflagge – vermutlich des IS – in Händen. Doch was auch immer der IS behauptet: Der tunesische Student und der Selbstmordattentäter aus Kuwait sind tot. Tote sprechen nicht. Und tote Einzeltäter zu vereinnahmen ist ein Leichtes. „Ich würde eine koordinierte Operation nicht ausschließen“, sagt Guido Steinberg, Terrorismusexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin im Gespräch mit FAZ.NET. „Aber wahrscheinlich ist das nicht.“

          So wenig über die Anschläge im Detail bislang bekannt ist: Zwischen den Terrortaten in Frankreich, in Tunesien und in Kuwait sind Unterschiede erkennbar, die eine zentral geplante Terrorkaskade zumindest unwahrscheinlich erscheinen lassen. Der versuchte Anschlag auf die Gasfabrik in Saint-Quentin-Fallavier und der Angriff auf die Hotelanlage in Port El Kantaoui waren primitive Aktionen, für deren Ausführung es keinerlei komplexer Vorbereitung bedurfte. Anders liegt der Fall in Kuwait-Stadt. Schon die Herstellung eines Sprengstoffgürtels bedarf einer Vorbereitung, die einen größeren organisatorischen Aufwand notwendig macht und eine Einzeltat quasi ausschließt. Ein klarer Hinweis auf den IS, dessen Kämpfer ausnahmslos Sunniten sind, und die alles dafür tun, um den Graben zwischen ihrer Konfession und der der Schiiten zu vertiefen.

          Auf der Suche: Französische Spezialkräfte am Freitag auf dem Weg zur Wohnung des Attentäters in Saint-Priest, südlich von Lyon.

          Beruhigen kann diese Feststellung allerdings nicht. Denn auch wenn eine zentrale Planung bislang unwahrscheinlich erscheint, geben die Anschläge einen Hinweis darauf, dass die Taten des gestrigen Tages zumindest mittelbar im Zusammenhang mit dem IS zu sehen sind. Die Terrormiliz hat rund um das Mittelmeer und auch in Europa rasant an Einfluss gewonnen. Über ihre sozialen Medienkanäle kommen täglich neue Anhänger hinzu. Die Tat in Frankreich ist zumindest in Teilen der IS-Propaganda nachempfunden, ebenso wie das Blutbad in Port El Kantaoui. Anleitungen, Vorbilder und Aufrufe zu solche Taten finden sich zuhauf auf IS-Seiten. Sie machen es für Nachahmer überflüssig, in direkten Kontakt mit dem IS zu kommen. Und auch dem IS dürfte es reichen, wenn Sympathisanten in seinem Namen Anschläge verüben. Für die Ziele des IS außerhalb seines Herrschaftsbereichs reicht das allemal aus: Angst in Europa und Zwietracht zwischen Sunniten und Schiiten säen, die tunesische Tourismusbranche weiter schwächen und das Land in einen Abwärtsstrudel reißen, an dessen Ende Heerscharen neuer Rekruten für den Kampf im Nahen Osten stehen.

          Terrorexperte Steinberg fordert von der Bundesregierung, im Falle Kuwaits und Tunesiens zu handeln. „Wir können mit einer gescheiterten Golfregion nicht leben.“ Und auch ein failed state Tunesien sei mit Blick auf die Leuchtturmfunktion des Landes und die Flüchtlingsproblematik von Nachteil.

          Doch selbst wenn sich die Bundesregierung zu Hilfsmaßnahmen entschließen sollte. Dieser blutige Freitag, so steht zu befürchten, ist nicht der letzte gewesen. Am Montag nächster Woche jährt sich erstmals der Tag, an dem der IS das Kalifat ausgerufen hat.

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