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Schweigende Masse : Syrer sollen Farbe bekennen

Verlierer auf allen Seiten: Zwei Männer durchsuchen nach einem Luftangriff in Aleppo die Trümmer. Bild: dpa

Eine mutige Initiative will der schweigenden Mehrheit des „grauen Syriens“ eine Stimme verleihen. Bisher obsiegt aber noch die Angst vor den Islamisten.

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          Wir sprechen für die Mehrheit, die die Nase voll hat“, sagt der Mann. Er ist ein vornehmer Herr, stammt aus einer einflussreichen Familie von Alawiten, der Bevölkerungsgruppe des syrischen Machthabers Baschar al Assad. Er möchte nicht, dass sein Name mit solchen Äußerungen verbunden wird. Denn er lebt in Syrien, dort sind solche Unmutsbekundungen gefährlich. Er fürchtet sich vor den Männern des Geheimdienstes. „Sie können mich jederzeit holen“, sagt er. Und seine Aktivitäten könnten ihn in Assads Kerker bringen – oder gar das Leben kosten.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Der Mann ist Teil einer Gruppe, die sich zusammengetan hat, um das Morden in Syrien zu beenden und den Hass zu überwinden. Ihre Mitglieder kommen aus verschiedenen Teilen der syrischen Gesellschaft. Es sind Stammesführer, einflussreiche Vertreter der alawitischen Elite, Angehörige alter, einflussreicher sunnitischer Familien aus Damaskus oder Aleppo. Sie haben – auf beiden Seiten – Angehörige durch den Krieg verloren, ihre Häuser oder Firmen wurden zerstört. Sie sind frustriert über die ergebnislosen Genfer Gespräche. Sie gehen einen anderen Weg: Die schweigende Mehrheit der syrischen Gesellschaft soll aus der Sprach- und Tatenlosigkeit geführt werden. Es handelt sich um jene Menschen, die das Assad-Regime ebenso ablehnen wie die von islamistischen Milizen dominierte Opposition. Sie werden das „graue Syrien“ genannt. Dieses graue Syrien soll Farbe bekennen.

          Sami Khiyami, früherer Botschafter des Assad-Regimes in London und einflussreicher Vertreter des Damaszener Bürgertums, sagt: „Ich glaube, dass die Lager von Regierung und Opposition zusammen nur etwa ein Drittel der syrischen Bevölkerung ausmachen.“ Und beide Seiten hätten kein wirkliches Interesse an einem Ausgleich. „Die Lösung der Krise in Syrien muss aus der Gesellschaft kommen“, sagt Moustafa Kayali, ebenso ein Vertreter der Initiative, der zu einer alten sunnitischen Familie aus der Großstadt Aleppo gehört. Dutzende führender Persönlichkeiten der Gesellschaft fördern die Initiative, die auch von mehreren europäischen Regierungen unterstützt wird. Sie wurde nun in Rom einer kleinen Gruppe von Journalisten und Experten vorgestellt.

          Gleichberechtigte Bürger

          Den Kern der Initiative bildet ein Verhaltenskodex für friedliche Koexistenz. Er soll die Syrer als gleichberechtigte Bürger zusammenbringen, die Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen überwinden und die Basis eines neuen Gesellschaftsvertrages sein. Khiyami denkt sogar schon an einen „Rat der Weisen“, der auf der Basis des Schriftstücks eine neue Verfassung ausarbeiten soll. „Keine Seite ist unschuldig“, heißt es im vierten der insgesamt elf Artikel. Daher müsse jede Seite ihre Vergehen gegen die Bevölkerung zugeben. Der Krieg bringe weder Sieger noch Besiegte hervor, sondern nur Verlierer, heißt es weiter in dem Kodex. Er stellt sich gegen kollektive Schuldzuweisungen. „Die Verantwortlichkeit ist individuell“, heißt es. Niemand solle für die Verfehlungen anderer aus seiner Religions- oder Bevölkerungsgruppe verurteilt werden.

          Der Text wendet sich weder direkt gegen das Regime noch gegen dessen Gegner. Seine Verfasser heben immer wieder hervor, es handle sich nicht um eine politische, sondern um eine gesellschaftliche Initiative. Sie wollen sich auch nicht von den Genfer Gesprächen oder dem von Assads Alliierten in Moskau initiierten „nationalen Dialog“ vereinnahmen lassen.

          Doch dürfte die Initiative weder Assad gefallen noch vielen Vertretern der bewaffneten Opposition. Das Regime will sich nicht verändern. Assad macht keinen Hehl daraus, dass er einen militärischen Sieg anstrebt – und erwartet. Im August hielt er vor Diplomaten und Funktionären des Außenministeriums eine programmatische Rede, in der von Versöhnung, Ausgleich oder Schuld auf beiden Seiten nicht die Rede war. Im Angesicht Hunderttausender Toter, Millionen von Vertriebenen und zerstörten Städten sagte Assad: „Wir haben die besten unter unseren jungen Menschen verloren und eine Infrastruktur, die uns über Generationen viel Geld und Schweiß gekostet hat. Aber im Gegenzug haben wir eine gesündere und homogenere Gesellschaft bekommen.“

          Die graue Masse wird von beiden Seiten missachtet

          Assad nutzen die Angst und das Misstrauen der Minderheiten gegenüber den Sunniten. Er inszeniert sich als ihr Beschützer vor den radikalen Islamisten der Opposition. Die alawitischen Führer der Initiative sagen, ihre Leute und die anderen Minderheiten seien nicht Schutzbefohlene, sondern Geiseln des Regimes. Sie wollen das ändern. Würden aber die Alawiten oder die Christen ihre Furcht vor den Sunniten verlieren, wäre Assad eines seiner wirkungsvollsten Herrschafts- und Mobilisierungsinstrumente beraubt. Mehrere der alawitischen Führer sind offenbar im Visier des Geheimdienstes. „Die Bedeutung meiner Familie schützt mich“, sagt einer. Aber er ist sich nicht sicher, wie lange und wie weit dieser Schutz reicht. Das Regime stützt sich überdies auf ein kunstvoll geknüpftes Netz von Abhängigkeiten, welche die konfessionellen Grenzen überschreiten. Moustafa Kayali spricht von einer „Koalition der Korrupten“. Ein Gesellschaftsvertrag, wie er und seine Mitreiter ihn anstreben, würde das Ende des Regimes bedeuten.

          Auf Seiten der Assad-Gegner gibt es zahlreiche Profiteure des Krieges, die nicht an einem Ende der Gewalt interessiert sind. Die islamistischen Hardliner dürften andere Vorstellungen von einem zukünftigen Syrien haben als die Verfasser des Verhaltenskodex. Das „graue Syrien“ spielt kaum eine Rolle. Auch liberale Vertreter der Assad-Gegner blicken auf diese Menschen der schweigenden Mehrheit herab, die sie als Opportunisten ansehen. Die Opposition setzte eher auf die militärische Schlagkraft salafistischer Milizen. Eine westlich orientierte, ranghohe Vertreterin der Assad-Gegner sagte vor einiger Zeit auf die Frage, ob man nicht immer mehr Menschen mit Äquidistanz zu Assad und seinen Feinden verprelle, je offener man sich mit den Islamisten verbünde: „Menschen mit Äquidistanz spielen für unseren Kampf keine Rolle.“

          Das Misstrauen der Alawiten gegenüber den Sunniten ist auch nicht aus der Luft gegriffen. Noch immer werden die Alawiten von sunnitischen Predigern beschimpft und als Abtrünnige verachtet, die schlimmer seien als die „Ungläubigen“. Solche Feindbilder sind älter als der Krieg. Doch sie haben sich im Zuge des Mordens immer tiefer eingebrannt.

          Die Angst vor Islamisten obsiegt bisher

          Es stellt sich die Frage, wie die Gruppe hinter dem Verhaltenskodex erreichen will, dass ihre Forderungen Wirklichkeit werden, wenn der Wandel, für den sie eintritt, so eng mit Krieg und Machtwettbewerb verknüpft ist. Jene, die im Ausland leben, werben offen für ihre Sache. Die Führer der Alawiten wollen im Verborgenen für die Initiative eintreten. Wie viele Menschen sie letztlich erreichen, lässt sich schwer feststellen. Reicht ihr gesellschaftliches Gewicht aus, um unter ihren Anhängern eine „kritische Masse“ zu mobilisieren? Unter Experten und Diplomaten herrschen daran erhebliche Zweifel. „Ich wünschte, das Regime und die Opposition hätten die Courage und das Format dieser Leute“, sagt ein erfahrener Diplomat. „Aber was soll das Vehikel sein, mit dem sie ihre Forderungen durchsetzen?“ Es treffe zu, dass viele Syrer das Regime ebenso ablehnten wie die Opposition, sagt er. „Die Mehrheit wird allerdings so lange stumm und untätig bleiben, bis sie eine greifbare machtpolitische Alternative zu Assad und dem Regime sieht.“ Solange es diese nicht gebe, würden die Menschen ihre stillschweigende Unterstützung des Präsidenten nicht aufgeben. „Nicht, weil sie das Regime nicht hassen, sondern weil die Angst vor den Islamisten obsiegt.“

          Das „graue Syrien“ stärker in den Blick zu nehmen sei ein vernünftiger Ansatz, sagt eine Expertin, die seit Jahren in diskrete Vermittlungsinitiativen eingebunden ist. „Die Haltung der Assad-Gegner gegenüber diesen Leuten war extrem kurzsichtig“, sagt sie. „Ohne echte politische Unterstützung von außen haben solche Initiativen allerdings keine Chance“, fügt sie an. Würde es gelingen, Russland für ein solches Projekt zu gewinnen, sähe die Sache anders aus. „Zumindest sendet die Initiative ein wichtiges Signal aus“, sagt die Expertin. Die gängigen Feindbilder und Erzählungen der Konfliktparteien würden erschüttert. Ein Vertreter der Initiative bemüht das Bild von einem Felsblock, der das Regime darstelle. Man müsse viele kleine Löcher bohren, sie mit Wasser füllen und auf den Winter warten. Der Frost werde dann Risse ins Gestein fressen. Der vornehme alawitische Führer drückt es noch etwas vorsichtiger aus: „Wir tun das alles, um Hoffnung auf Hoffnung haben zu können.“

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