https://www.faz.net/-gpf-964ja

Schweigende Masse : Syrer sollen Farbe bekennen

Die graue Masse wird von beiden Seiten missachtet

Assad nutzen die Angst und das Misstrauen der Minderheiten gegenüber den Sunniten. Er inszeniert sich als ihr Beschützer vor den radikalen Islamisten der Opposition. Die alawitischen Führer der Initiative sagen, ihre Leute und die anderen Minderheiten seien nicht Schutzbefohlene, sondern Geiseln des Regimes. Sie wollen das ändern. Würden aber die Alawiten oder die Christen ihre Furcht vor den Sunniten verlieren, wäre Assad eines seiner wirkungsvollsten Herrschafts- und Mobilisierungsinstrumente beraubt. Mehrere der alawitischen Führer sind offenbar im Visier des Geheimdienstes. „Die Bedeutung meiner Familie schützt mich“, sagt einer. Aber er ist sich nicht sicher, wie lange und wie weit dieser Schutz reicht. Das Regime stützt sich überdies auf ein kunstvoll geknüpftes Netz von Abhängigkeiten, welche die konfessionellen Grenzen überschreiten. Moustafa Kayali spricht von einer „Koalition der Korrupten“. Ein Gesellschaftsvertrag, wie er und seine Mitreiter ihn anstreben, würde das Ende des Regimes bedeuten.

Auf Seiten der Assad-Gegner gibt es zahlreiche Profiteure des Krieges, die nicht an einem Ende der Gewalt interessiert sind. Die islamistischen Hardliner dürften andere Vorstellungen von einem zukünftigen Syrien haben als die Verfasser des Verhaltenskodex. Das „graue Syrien“ spielt kaum eine Rolle. Auch liberale Vertreter der Assad-Gegner blicken auf diese Menschen der schweigenden Mehrheit herab, die sie als Opportunisten ansehen. Die Opposition setzte eher auf die militärische Schlagkraft salafistischer Milizen. Eine westlich orientierte, ranghohe Vertreterin der Assad-Gegner sagte vor einiger Zeit auf die Frage, ob man nicht immer mehr Menschen mit Äquidistanz zu Assad und seinen Feinden verprelle, je offener man sich mit den Islamisten verbünde: „Menschen mit Äquidistanz spielen für unseren Kampf keine Rolle.“

Das Misstrauen der Alawiten gegenüber den Sunniten ist auch nicht aus der Luft gegriffen. Noch immer werden die Alawiten von sunnitischen Predigern beschimpft und als Abtrünnige verachtet, die schlimmer seien als die „Ungläubigen“. Solche Feindbilder sind älter als der Krieg. Doch sie haben sich im Zuge des Mordens immer tiefer eingebrannt.

Die Angst vor Islamisten obsiegt bisher

Es stellt sich die Frage, wie die Gruppe hinter dem Verhaltenskodex erreichen will, dass ihre Forderungen Wirklichkeit werden, wenn der Wandel, für den sie eintritt, so eng mit Krieg und Machtwettbewerb verknüpft ist. Jene, die im Ausland leben, werben offen für ihre Sache. Die Führer der Alawiten wollen im Verborgenen für die Initiative eintreten. Wie viele Menschen sie letztlich erreichen, lässt sich schwer feststellen. Reicht ihr gesellschaftliches Gewicht aus, um unter ihren Anhängern eine „kritische Masse“ zu mobilisieren? Unter Experten und Diplomaten herrschen daran erhebliche Zweifel. „Ich wünschte, das Regime und die Opposition hätten die Courage und das Format dieser Leute“, sagt ein erfahrener Diplomat. „Aber was soll das Vehikel sein, mit dem sie ihre Forderungen durchsetzen?“ Es treffe zu, dass viele Syrer das Regime ebenso ablehnten wie die Opposition, sagt er. „Die Mehrheit wird allerdings so lange stumm und untätig bleiben, bis sie eine greifbare machtpolitische Alternative zu Assad und dem Regime sieht.“ Solange es diese nicht gebe, würden die Menschen ihre stillschweigende Unterstützung des Präsidenten nicht aufgeben. „Nicht, weil sie das Regime nicht hassen, sondern weil die Angst vor den Islamisten obsiegt.“

Das „graue Syrien“ stärker in den Blick zu nehmen sei ein vernünftiger Ansatz, sagt eine Expertin, die seit Jahren in diskrete Vermittlungsinitiativen eingebunden ist. „Die Haltung der Assad-Gegner gegenüber diesen Leuten war extrem kurzsichtig“, sagt sie. „Ohne echte politische Unterstützung von außen haben solche Initiativen allerdings keine Chance“, fügt sie an. Würde es gelingen, Russland für ein solches Projekt zu gewinnen, sähe die Sache anders aus. „Zumindest sendet die Initiative ein wichtiges Signal aus“, sagt die Expertin. Die gängigen Feindbilder und Erzählungen der Konfliktparteien würden erschüttert. Ein Vertreter der Initiative bemüht das Bild von einem Felsblock, der das Regime darstelle. Man müsse viele kleine Löcher bohren, sie mit Wasser füllen und auf den Winter warten. Der Frost werde dann Risse ins Gestein fressen. Der vornehme alawitische Führer drückt es noch etwas vorsichtiger aus: „Wir tun das alles, um Hoffnung auf Hoffnung haben zu können.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Ein Reisepass aus Malta (hier von unserem Illustrator verfremdet) ist manchen Investoren viel Geld wert.

Staatsbürgerschaftshandel : Goldene Pässe für Superreiche

EU-Länder wie Zypern und Malta verkaufen ihre Staatsbürgerschaft gegen teures Geld. Ist das in Ordnung? Christian Kaelin, der als „König der Pässe“ bekannt ist, verteidigt das Geschäftsmodell.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.