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Nord- und Südkorea : Himmlische Ruhe im Schatten der Bedrohung

Taesong-dong, das Dorf der Freiheit, in der entmilitarisierten Zone zwischen den koreanischen Staaten Bild: Patrick Welter

Vor dem Gipfel zwischen Nord- und Südkorea richten sich alle Augen auf den Versammlungsort, die entmilitarisierte Zone. Zwei Siedlungen dort sind Teil der gegenseitigen Propaganda.

          4 Min.

          Als der Bus vor dem Kontrollpunkt auf der Nationalstraße 1 links abbiegt, wird es idyllisch. Eine kleine Landstraße windet sich wenige hundert Meter durch die hügelige Landschaft, gesäumt von Kirschbäumen, die vorsichtig zu blühen beginnen. Am Rande einer weiten Flussebene erreicht die Straße das Dörfchen Taesong. Im Hintergrund rahmen malerische Bergketten das Panorama. Doch die friedliche Idylle täuscht. Das südkoreanische Taesong liegt mitten in der entmilitarisierten Zone (DMZ), dem vier Kilometer breiten und rund 250 Kilometer langen Streifen entlang der innerkoreanischen Grenze. Trotz seines Namens gehört der Landstrich zu den militärisch bestbewachten Grenzen der Welt. Taesong aber trägt den Beinamen „Dorf der Freiheit“.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Wenige hundert Meter von der Grenze entfernt leben die 201 Bewohner im Schatten der Bedrohung durch Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un. Bräche ein militärischer Konflikt zwischen den koreanischen Staaten aus, läge Taesong direkt an der Frontlinie. Die Bewachung durch Kräfte der Vereinten Nationen ist komplett: Sogar die Feldarbeit findet unter Aufsicht militärischer Begleiter statt. Die Sperrfrist beginnt um Mitternacht und geht bis zum Sonnenaufgang, als Schutz gegen mögliche nordkoreanische Eindringlinge, die in früheren Jahrzehnten Bewohner in den Norden entführt haben sollen. Gäste der Dorfbewohner müssen sich Tage vorab anmelden und militärische Kontrollen passieren.

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          Der Bürgermeister empfängt die Journalistengruppe auf dem Dach des Gemeindehauses, von dem der Blick gen Norden schweift. Kim Dong-ku berichtet von Spannungen und Nervosität, die das Leben so nah an der Grenze mit sich bringe. Vor dem Gipfeltreffen von Südkoreas Präsident Moon Jae-in und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un am Freitag aber habe sich die Stimmung im Dorf deutlich entspannt. „Ich hoffe, dass die Atmosphäre der Entspannung zwischen Süd und Nord sich verfestigt und dauerhaft wird“, sagt Kim. Persönliche Gefühle gibt der 50 Jahre alte Bürgermeister nicht preis. Er stammt aus Taesong und ist dort aufgewachsen. Dass er seinem Heimatdorf die Treue hält, ist für ihn selbstverständlich. Seine beiden Kinder, sechs und neun Jahre alt, gehen in die Grundschule am Ort. Sorgen, dass nach einem möglichen Friedensvertrag das Dörfchen seinen Sonderstatus verlieren werde, hat Kim nicht: „Falls es zum Frieden kommt, ist das für unser Dorf nur gut.“

          Das Leben in Taesong ist hart und wohl auch eintönig. Es gibt eine Grundschule und die kleine Panmunjom-Kirche auf einem Hügel, es gibt aber keine Geschäfte und keinen Arzt am Ort. Kommerzieller Handel und Tätigkeiten seien in der entmilitarisierten Zone verboten, sagt der Bürgermeister. Der Schaukasten von „Lotte Cinema“ vor dem Gemeindehaus ist leer. Es scheint lange her zu sein, dass dort Kinoplakate hingen. Der kleine Saal mit den roten Sitzen wirkt gepflegt, aber unbenutzt. Nur manchmal würden Filme gezeigt, sagt Kim. Die Bevölkerungszahl sei recht stabil, heißt es vom Kommando der Vereinten Nationen. Doch der Bürgermeister fürchtet einen Bevölkerungsschwund. Die Jüngeren wollten lieber in der Stadt leben und dort ihre Kinder aufziehen. In Taesong gebe es außer harter Feldarbeit keine Arbeit.

          Einwohner zahlen keine Steuern

          Die Häuser sind gepflegt, vor den Eingängen stehen, wie überall in Korea, große Krüge, in denen Kohl zu Kimchi fermentiert. Einige neuere Bauten signalisieren relativen Wohlstand. Vor dem einen sind Solarzellen montiert, vor dem anderen steht ein kleiner BMW. Weil das Dörfchen in der entmilitarisierten Zone liegt, untersteht es formal der Hoheit der Vereinten Nationen. Die Einwohner zahlen keine Steuern, sie müssen auch keinen Wehrdienst leisten. Männern ist deshalb verboten, in das Dorf hineinzuheiraten. Sie sollen keine Gelegenheit erhalten, sich dem obligatorischen Wehrdienst zu entziehen. Nur Familien, die schon vor dem Waffenstillstand von 1953 in dem Grenzstreifen wohnten, oder ihre direkten Nachkommen dürfen dort siedeln. Wer weniger als 240 Nächte im Jahr in Taesong übernachtet, verliert das Wohnrecht.

          Kinder vor der Elementary School in Taesong-dong, dem Dorf der Freiheit

          Als Bauern sind die Einwohner ökonomisch privilegiert. Sie bewirtschaften durchschnittlich 17 Morgen, weit mehr als die ein bis vier Morgen je Bauernfamilie im Rest Südkoreas. Der in Taesong angebaute Reis wird zentral als DMZ-Reis vermarktet. Das Kommando der Vereinten Nationen beziffert das Durchschnittseinkommen in Taesong auf 80.000 Dollar im Jahr. Das ist deutlich mehr als das normale Einkommen auf dem Land in Südkorea.

          Der Preis dafür ist, dass die Bewohner ein Teil der südkoreanischen Propaganda gegen den kommunistischen Norden sind. Weit über den Häuserdächern flattert an einem gewaltigen Gerüst die südkoreanische Fahne, 18 mal zwölf Meter groß. Hundert Meter hoch ist das Fahnengerüst. Jenseits der Grenze, etwa 1,6 Kilometer entfernt, haben die Nordkoreaner im Dorf Kijong einen 160 Meter hohen Fahnenmast errichtet, an dem das nordkoreanische Banner weht. Die beiden Dörfer sind die einzigen zivilen Siedlungen in dem vier Kilometer breiten Streifen rund um die Grenzlinie. Nach dem Waffenstillstand 1953 hatten beide Seiten sich darauf geeinigt, je ein Musterdorf in der DMZ zu erlauben. Im Süden ist es das „Dorf der Freiheit“, im Norden das „Dorf des Friedens“. Das Kommando der Vereinten Nationen nennt Kijong indes „Propagandadorf“. Es sei ein Potemkinsches Dorf mit Häusern ohne Bewohner. Durch die Ferngläser am Dorasan-Beobachtungspunkt sind in Kijong später wenige Menschen zu sehen, die zwischen den türkis-blau gestrichenen Häusern gehen. Doch ist nicht zu erkennen, ob es sich um Soldaten oder um Zivilisten handelt.

          Propagandabeschallung eingestellt

          Doch auch in Taesong sind an diesem Vormittag nur sehr wenige Zivilisten zu sehen. Die Gemeinde wirkt wie ausgestorben. An vielen Ecken wachen UN-Soldaten. Auf einem Hof wäscht ein Mann einen Eimer aus und verschwindet schnell wieder im Haus. Seit dieser Woche genießen die Einwohner eine himmlische Ruhe. Südkorea und auch Nordkorea haben vor dem Gipfeltreffen die Propagandabeschallung über die Grenze hinweg eingestellt. Aus dem Norden schallte zuletzt meistens Musik herüber, berichtet der Bürgermeister. Daran habe man sich gewöhnt gehabt.

          Ein Soldat der UNC steht vor der Panmunjom-Kirche in Taesong-dong

          Vor der zweistöckigen Schule spielen ein paar Kinder. 35 Kinder werden unterrichtet, doch nur acht kommen aus dem Dorf selbst, berichtet Schuldirektor Jin Young-jin. Um trotz der schrumpfenden Kinderzahl die Schule in der DMZ zu erhalten, nehme man seit mehr als zehn Jahren auch Kinder aus den Städten südlich der Grenzregion auf. Jin fährt wie die meisten der zehn Lehrer und Betreuer jeden Tag zur Arbeit nach Taesong und quert die gestaffelten Verteidigungsanlagen und Minenfelder der Südkoreaner. Die Schule wurde 1954, im Jahr nach dem Waffenstillstand, von Bürgern gegründet und erst Ende der sechziger Jahre in den Rang einer öffentlichen Schule erhoben. Noch heute dankt Taesong dafür amerikanischer Unterstützung. Ein Vorteil des Unterrichts in Taesong ist, dass die Kinder durch Soldaten der UN-Schutztruppe Englischunterricht erhalten. Die Ausbildung reicht bis zur Unterstufe, für den Besuch der Mittel- und Oberschule müssen die Kinder täglich die DMZ verlassen.

          Das allgegenwärtige Kürzel haben die Schulkinder in bunten Buchstaben in „Dream Making Zone“ übersetzt, die Zone, die zum Träumen einlädt. Als die Spannungen zuletzt hoch waren, sei der Unterricht an einem Tag ausgefallen, weil die Kinder den Schutzraum hätten aufsuchen müssen, erzählt der Direktor. Im Schulhof blüht ein gewaltiger Kirschbaum. Auf dem Schulsignet steht prominent: Dorf der Freiheit. Das an ein Blatt erinnernde Zeichen symbolisiere Berge, Wasser und Himmel, erklärt Lehrer Lee Sang-jai, und bedeute: „Frieden überall“.

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