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Nord- und Südkorea : Himmlische Ruhe im Schatten der Bedrohung

Kinder vor der Elementary School in Taesong-dong, dem Dorf der Freiheit

Als Bauern sind die Einwohner ökonomisch privilegiert. Sie bewirtschaften durchschnittlich 17 Morgen, weit mehr als die ein bis vier Morgen je Bauernfamilie im Rest Südkoreas. Der in Taesong angebaute Reis wird zentral als DMZ-Reis vermarktet. Das Kommando der Vereinten Nationen beziffert das Durchschnittseinkommen in Taesong auf 80.000 Dollar im Jahr. Das ist deutlich mehr als das normale Einkommen auf dem Land in Südkorea.

Der Preis dafür ist, dass die Bewohner ein Teil der südkoreanischen Propaganda gegen den kommunistischen Norden sind. Weit über den Häuserdächern flattert an einem gewaltigen Gerüst die südkoreanische Fahne, 18 mal zwölf Meter groß. Hundert Meter hoch ist das Fahnengerüst. Jenseits der Grenze, etwa 1,6 Kilometer entfernt, haben die Nordkoreaner im Dorf Kijong einen 160 Meter hohen Fahnenmast errichtet, an dem das nordkoreanische Banner weht. Die beiden Dörfer sind die einzigen zivilen Siedlungen in dem vier Kilometer breiten Streifen rund um die Grenzlinie. Nach dem Waffenstillstand 1953 hatten beide Seiten sich darauf geeinigt, je ein Musterdorf in der DMZ zu erlauben. Im Süden ist es das „Dorf der Freiheit“, im Norden das „Dorf des Friedens“. Das Kommando der Vereinten Nationen nennt Kijong indes „Propagandadorf“. Es sei ein Potemkinsches Dorf mit Häusern ohne Bewohner. Durch die Ferngläser am Dorasan-Beobachtungspunkt sind in Kijong später wenige Menschen zu sehen, die zwischen den türkis-blau gestrichenen Häusern gehen. Doch ist nicht zu erkennen, ob es sich um Soldaten oder um Zivilisten handelt.

Propagandabeschallung eingestellt

Doch auch in Taesong sind an diesem Vormittag nur sehr wenige Zivilisten zu sehen. Die Gemeinde wirkt wie ausgestorben. An vielen Ecken wachen UN-Soldaten. Auf einem Hof wäscht ein Mann einen Eimer aus und verschwindet schnell wieder im Haus. Seit dieser Woche genießen die Einwohner eine himmlische Ruhe. Südkorea und auch Nordkorea haben vor dem Gipfeltreffen die Propagandabeschallung über die Grenze hinweg eingestellt. Aus dem Norden schallte zuletzt meistens Musik herüber, berichtet der Bürgermeister. Daran habe man sich gewöhnt gehabt.

Ein Soldat der UNC steht vor der Panmunjom-Kirche in Taesong-dong

Vor der zweistöckigen Schule spielen ein paar Kinder. 35 Kinder werden unterrichtet, doch nur acht kommen aus dem Dorf selbst, berichtet Schuldirektor Jin Young-jin. Um trotz der schrumpfenden Kinderzahl die Schule in der DMZ zu erhalten, nehme man seit mehr als zehn Jahren auch Kinder aus den Städten südlich der Grenzregion auf. Jin fährt wie die meisten der zehn Lehrer und Betreuer jeden Tag zur Arbeit nach Taesong und quert die gestaffelten Verteidigungsanlagen und Minenfelder der Südkoreaner. Die Schule wurde 1954, im Jahr nach dem Waffenstillstand, von Bürgern gegründet und erst Ende der sechziger Jahre in den Rang einer öffentlichen Schule erhoben. Noch heute dankt Taesong dafür amerikanischer Unterstützung. Ein Vorteil des Unterrichts in Taesong ist, dass die Kinder durch Soldaten der UN-Schutztruppe Englischunterricht erhalten. Die Ausbildung reicht bis zur Unterstufe, für den Besuch der Mittel- und Oberschule müssen die Kinder täglich die DMZ verlassen.

Das allgegenwärtige Kürzel haben die Schulkinder in bunten Buchstaben in „Dream Making Zone“ übersetzt, die Zone, die zum Träumen einlädt. Als die Spannungen zuletzt hoch waren, sei der Unterricht an einem Tag ausgefallen, weil die Kinder den Schutzraum hätten aufsuchen müssen, erzählt der Direktor. Im Schulhof blüht ein gewaltiger Kirschbaum. Auf dem Schulsignet steht prominent: Dorf der Freiheit. Das an ein Blatt erinnernde Zeichen symbolisiere Berge, Wasser und Himmel, erklärt Lehrer Lee Sang-jai, und bedeute: „Frieden überall“.

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