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Früherer Premier Philippe : Ein neuer Gegner für Macron

Selbstbewusst: Der frühere französische Premierminister Edouard Philippe bei einem Fernsehauftritt Bild: AFP

Der frühere Premierminister Edouard Philippe ist mittlerweile der beliebteste Politiker Frankreichs. Seine öffentlichen Auftritte befeuern Spekulationen, er könnte gegen Präsident Emmanuel Macron antreten.

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          Im Versteckspielen kennt sich Edouard Philippe aus. Auf dem Weg zu seinem ersten Termin im Wahlkampfhauptquartier mit Emmanuel Macron legte er sich einst auf die Rückbank einer Limousine und zog sich eine Decke über die Ohren. Niemand sollte den Zwei-Meter-Mann sehen, bevor er seine damalige rechtsbürgerliche Partei Les Républicains (LR) verriet und stattdessen Macrons Angebot akzeptierte, sein Regierungschef zu werden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das ist mittlerweile vier Jahre her und halb Frankreich spekuliert darüber, ob Philippe bei der Präsidentenwahl im kommenden Frühjahr wieder zum Verräter wird – dieses Mal an Macron. Der im vergangenen Juni geschasste Premierminister hat sein Exil als Bürgermeister der Hafenstadt Le Havre genutzt, um sein politisches Comeback vorzubereiten. Am Mittwoch ist das zusammen mit seinem Freund und Berater, dem liberalen EU-Abgeordneten Gilles Boyer, geschriebene Buch „Impressionen und klare Linien“ („Impressions et lignes claires“) erschienen.

          Seine politische Wiederauferstehung setzte Philippe bereits am Ostersonntag in einem Fernsehinterview auf dem staatlichen Sender France 2 in Szene. Offiziell ging es nur darum, sein Buch vorzustellen. Aber der 50 Jahre alte Politiker mit den markanten weißen Flecken im dunklen Bart („meine Tochter nennt mich Kung Fu Panda“) schien selbst nicht daran zu glauben. „Meine Loyalität gegenüber dem Präsidenten war, glaube ich, absolut“, sagte er. Was „war“, betonte er, gilt heute nicht mehr, „ich habe eine sehr große Freiheit des Redens und des Denkens“, sagte er.

          Für wirtschaftliche Reformen

          Philippe ist zum beliebtesten Politiker Frankreichs avanciert. Laut einer jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos haben 56 Prozent der Franzosen eine positive Meinung von ihm, während es bei Emmanuel Macron 38 Prozent sind. Marine Le Pen kommt auf 31 Prozent. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass Macron im vergangenen Frühsommer sich nur von Philippe getrennt habe, weil er nicht länger im Schatten von dessen Popularität stehen wollte. „Ich habe eine Idee dazu. Aber ich behalte sie für mich“, kommentierte dies Philippe auf France 2.

          Der frühere Adlatus des langjährigen rechtsbürgerlichen Hoffnungsträgers Alain Juppé („Der Beste unter uns“) hat sich sichtlich von Macron emanzipiert. Zwar kritisiert er den sieben Jahre jüngeren Staatschef nicht, aber er erinnert eindringlich daran, dass die Pandemie den Präsidenten aus der Reformbahn geworfen hat. Gegenüber dem Radiosender France Inter betonte Philippe am Mittwoch, wie wichtig es sei, den Reformkurs fortzusetzen. Die hohe Staatsverschuldung spielt auch in seinem Buch eine wichtige Rolle. Zu den „klaren Linien“, die Philippe verkörpern will, zählen zweifellos die Haushaltssanierung und der Schuldenabbau.

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          Das sind Ziele, die auch im Kreis vieler Macron-Anhänger alles andere als populär sind. Im Radiointerview forderte der frühere Regierungschef sogar, die auf Eis gelegte Rentenreform endlich anzupacken. „Wir müssen uns darauf verständigen, dass alle etwas länger arbeiten, auch wenn das keine beliebte Vorstellung ist“, sagte er. Ein Zuhörer versuchte ihn aus der Reserve zu locken: „Wäre es nicht an der Zeit, dass Sie Verantwortung übernehmen? Wenn Sie kandidieren, dann würde ich für Sie stimmen.“ Philippe erwiderte vieldeutig, er habe sich 2017 der Verantwortung gestellt – ohne zu verneinen, dass er von neuem die Staatsgeschäfte übernehmen möchte. „Ich habe gern die Schalthebel in der Hand“, sagte er dem Nachrichtenmagazin „Le Point“.

          Unruhe in Präsidentenpartei

          Die Medienoffensive Philippes gefällt den Macron-Getreuen nicht. Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire, der ebenfalls von LR zu Macron stieß, forderte: „Die einzige klare Linie heute muss sein, die Bilanz des Präsidenten zu verteidigen und ihn für seine Wiederwahl 2022 zu unterstützen.“ Anders als Le Maire ist Philippe nicht in die Präsidentenpartei La République en marche (LREM) eingetreten. Im linken LREM-Flügel trägt man Philippe bis heute seinen „konservativen Starrsinn“ während der Gelbwestenkrise und beim Tempolimit von 80 Stundenkilometern auf Landstraßen nach.

          Es behagt den Macron-Getreuen ebenso nicht, dass Philippe freundschaftliche Verbindungen zu früheren rechtsbürgerlichen Parteifreunden wie der Pariser Regionalratspräsidentin Valérie Pécresse, zum Regionalratspräsidenten für Nordfrankreich, Xavier Bertrand, aber auch zum LR-Fraktionschef im Senat, Bruno Retailleau unterhält. In dem Buch Philippes erhält sogar der gescheiterte Präsidentschaftskandidat Francois Fillon freundliche Erwähnung: „Francois Fillon hat in der Gesundheitskrise große Liebenswürdigkeit an den Tag gelegt und wertvollen moralischen Beistand geleistet.“

          Mehr noch als das Versteckspiel Philippes um eine mögliche Präsidentschaftskandidatur beunruhigt die Riege um Macron, dass der Präsident gegenüber der Rechtspopulistin Marine Le Pen schwächelt. In den jüngsten Umfragen ist der Vorsprung, den sich Macron bei einem Duell gegen Le Pen erhoffen kann, auf wenige Prozentpunkte geschrumpft. „Ich werde nicht Kandidat sein, es sei denn, Emmanuel Macron tritt nicht an“, soll Philippe einmal gesagt haben. Doch nun kommentierte er: „Ich bin mir nicht sicher, dass ich das öffentlich geäußert habe.“

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