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Ukraine und Russland : Ein langsamer Tod

In der Nähe des Asowschen Meeres stoppen ukrainische Polizisten am 27. November 2018 ein Auto am Checkpoint in Berdyansk – wenige Tage, nachdem russische Grenztruppen ein ukrainisches Schiff beschossen hatten. Bild: AP

Die Situation am Asowschen Meer spitzt sich schon seit einiger Zeit zu. Russland setzt wieder auf die Mittel des „hybriden“ Kriegs.

          Russische Grenztruppen haben ein Schiff der ukrainischen Marine beschossen. Anschließend haben sie drei Schiffe samt Besatzung festgesetzt; die zum Teil verletzten Matrosen werden von den Russen verhört. Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, vor dem Zwischenfall auf Anfragen per Funk nicht reagiert zu haben. Die Aufregung ist groß, zu Recht. Aber eine Seeschlacht mit Giganten wie dem – im gleichnamigen Filmklassiker verewigten – „Panzerkreuzer Potemkin“ ist das nicht.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Die militärischen Kräfteverhältnisse auf dem Wasser – da kann man dem russischen Staatsfernsehen zustimmen – sehen für die Ukraine ungünstig aus. Außer einem Schlepper waren es zwei gepanzerte Schiffe der Klasse Gjursa-M, die am Sonntag daran gehindert wurden, ins Asowsche Meer einzulaufen. Das sind 23 Meter lange Kampfschiffe, sie sind im Wesentlichen mit 30-Millimeter-Geschützen ausgestattet. Insgesamt verfügt die Marine der Ukraine heute über etwa 50 schwimmende Einheiten, sämtliche Hilfsschiffe mitgerechnet.

          Durch die überraschende Besetzung der Krim 2014 waren, russischen Angaben zufolge, die Hälfte der damals 18 Kampfschiffe der Ukraine sowie neun weitere Marineschiffe als Kriegsbeute an Russland gefallen. Als größtes Kampfschiff blieb Kiew die Fregatte „Hetman Sahajdatschnyj“. Seitdem hat die Ukraine neue Einheiten in Dienst gestellt; als Unterstützung aus Amerika sollen einige ausrangierte Schiffe hinzukommen. Rein militärisch wird das die starke russische Schwarzmeerflotte, die schon vor dem Jahr 2014 als „Gast“ auf der Krim stationiert war (damals mit vertraglicher Billigung durch die Ukraine), nicht sehr beeindrucken.

          Brücke zwischen Krim und Russland verschärft Situation

          Aber Krieg ist mehr als die Summe der Geschütze, gerade im Fall des „hybriden“ Kriegs. Das gilt erst recht für die Krise um Krim und Asowsches Meer und ihre Vorgeschichte. Die Warnzeichen waren seit dem Sommer so deutlich, dass der Thinktank ECFR in einer Studie Anfang Oktober warnte: „Dieses Meer könnte bald die neue Front im fortdauernden Krieg in der Ostukraine sein.“ Die UN müssten schnell eine friedenserhaltende Mission auf See entsenden. Die OSZE-Mission, die mit Hunderten Mitarbeitern jeden Schuss in der Donbass-Region registriert, konnte aufgrund der Grenzen ihres Mandats auf See bisher nicht tätig werden.

          Schon früher war es nicht einfach gewesen, durch die seichte Meerenge von Kertsch am Ostzipfel der Krim zu fahren. Wer in die Häfen des Asowschen Meeres will – die zwei wichtigsten sind in den ukrainischen Großstädten Mariupol und Berdjansk –, der muss hier durch. Mit den Bauarbeiten und der Fertigstellung der Autobahnbrücke von Russland auf die Krim im Mai dieses Jahres verschärften sich die Probleme. Die Brücke erlaubt nur Schiffen bis 33 Meter Höhe die Durchfahrt; wie die Hafendirektion in Berdjansk mitteilt, musste deshalb vor der Durchfahrt einem Frachter der großen Panamax-Klasse ein Mast abgesägt werden.

          Die wirtschaftliche und damit auch soziale und politische Destabilisierung des Südostens der Ukraine dürfte von Russland, um das Mindeste zu sagen, billigend in Kauf genommen werden. Der Mariupoler Hafendirektor Oleksandr Olejnik sagte dieser Zeitung: „Früher gab es an der Meerenge Wartezeiten von zehn, zwölf Stunden. Jetzt müssen die Schiffe drei bis sieben Tage warten.“ Bei einem Schiff von 20.000 Tonnen bedeuteten sieben Tage einen Verlust von 100.000 Dollar. Die eigentliche Kontrolle durch die russischen Grenztruppen, die Teil des Geheimdienstes FSB sind, dauere nur zwei Stunden. Außerdem gibt es seit dem Sommer auch zahlreiche Kontrollen mitten im Asowschen Meer. Olejniks Befürchtung: „Das Ziel der russischen Politik ist es, unsere Häfen zu diskreditieren und Chaos zu säen.“

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