https://www.faz.net/-gpf-14zvr

Ein Jahr Obama : Mehr Lincoln, weniger Churchill

  • -Aktualisiert am

Obama mit seinen Amtsvorgängern Clinton und Bush Bild: picture alliance / dpa

George W. Bush sah sich von göttlicher Vorsehung geleitet. Barack Obamas Selbstsicherheit scheint dagegen auf ein Gefühl intellektueller Überlegenheit zurückzugehen. Ist das Abgehobenheit?

          Wenn Barack Obama von seinem Schreibtisch im Oval Office aufschaut und aus dem Fenster blickt, sieht er die Schaukel und das Klettergerüst seiner Töchter Malia und Sasha. Der Spielplatz zählt zu den sichtbarsten Neuerungen in und um das Weiße Haus, wie auch der neue Basketballplatz und das Gemüsebeet, das First Lady Michelle Obama vor laufenden Kameras anlegen half. Unter den Gemälden, die dem Weißen Haus als Leihgabe vom Smithsonian-Museum zur Verfügung gestellt und in den Amts- wie Privaträumen aufgehängt wurden, finden sich zahlreiche abstrakte Werke sowie Bilder schwarzer amerikanischer Maler. George W. und Laura Bush hatten gegenständliche Malerei bevorzugt, vor allem Darstellungen glorreicher Schlachten der Kavallerie.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Eine Büste Winston Churchills schließlich, die der damalige britische Premierminister Tony Blair nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zum Zeichen der britisch-amerikanischen Bruderschaft an George W. Bush gesandt hatte und die dieser im Oval Office aufstellen ließ, gab Obama an die Briten zurück. Dabei hatte London ausdrücklich angeboten, die Büste könne als Symbol der besonderen Beziehung im Weißen Haus verbleiben. Stattdessen ließ Obama eine Büste Abraham Lincolns aufstellen.

          Der Washingtoner Politologe und Historiker Eliot Cohen hat festgestellt, dass trotz der Unterschiede in der Weltanschauung und im Stilempfinden Obama und Bush der Umstand verbinde, dass sie ihr Amt mit „enormem Selbstvertrauen“ angetreten hätten. Während dieses sich bei Bush aber aus einer „moralischen Überzeugung“ gespeist habe, rühre es bei Obama von einem „Gefühl der intellektuellen Überlegenheit“ her. Tatsächlich hört Obama sich bei Kabinettssitzungen und Krisengesprächen die Argumente seiner Regierungs- und Beratermannschaft genau an. Er fordert seine Mitarbeiter zur Zuspitzung ihrer Position heraus, um am Ende nach ausgiebiger Reflektion zu entscheiden. Diese Gründlichkeit wurde ihm in den Monaten vor der am 1. Dezember verkündeten Entscheidung, weitere 30.000 Soldaten nach Afghanistan zu schicken, als Zögerlichkeit ausgelegt. Bush dagegen war überzeugt, ein unerschütterlicher innerer Kompass sowie göttliche Vorsehung führten ihn zu seinen Beschlüssen.

          Abschied aus dem Weißen Haus: Barbara und George W. Bush werden von den Obamas begleitet

          Entgegen seinem Versprechen, er werde eine Epoche der Transparenz und Rechenschaft einführen, hat Obama viele Regierungstechniken von seinem Vorgänger übernommen. Während des Wahlkampfes hatte Obama etwa versprochen, die Debatten des Vermittlungsausschusses im Kongress über die Gesundheitsreform würden im Parlamentsfernsehen C-SPAN übertragen, doch dazu haben weder Obama noch der von den Demokraten kontrollierte Kongress bisher Anstalten gemacht. Auch an der Hypertrophie der „Czars“ genannten Sonderbeauftragten, die der Präsident ohne Konsultation des Kongresses ernennen kann, hat Obama festgehalten: Schon im ersten Jahr seiner Amtszeit hat er 38 solcher „Zaren“ ernannt, die von der Afghanistan/Pakistan-Politik, dem Terrorkampf und der Geheimdienstkoordinierung über den Klimawandel, den Antidrogenkrieg und den Kampf gegen Aids bis hin zur Bankenregulierung, den Managergehältern oder der Wissenschaftsförderung ein breites Portfolio abdecken. Heftig kritisiert der Kongress diese schleichende Entmachtung des Parlaments durch die Regierung. Bei George W. Bush waren zum Ende seiner achtjährigen Amtszeit 35 „Czars“ gezählt worden.

          Obama hat sich mehrmals bereit gezeigt, bei Fehlern mit potentiellem Langfristschaden seine Position rasch zu ändern und Sündenböcke zu opfern. So geschah es beim Streit über den weißen Bostoner Polizisten, der den schwarzen Professor Henry Louis Gates vorübergehend festgenommen hatte und zunächst vom Präsidenten für sein „dummes Verhalten“ gemaßregelt, hernach aber zum Bier ins Weiße Haus eingeladen wurde. Oder bei der Entlassung seines Rechtsberaters und engen Freundes Greg Craig, der seinen Hut nehmen musste als Verantwortlicher dafür, dass Obama sein Versprechen der Schließung des Gefangenenlagers Guantánamo bis zum 22. Januar 2010 nicht einhalten kann.

          Was Obamas Imageverwalter als pragmatische Kompromissfähigkeit preisen, schließt die Bereitschaft des Präsidenten ein, notfalls elementare Positionen – wie die Einführung einer öffentlichen Krankenversicherung bei der Gesundheitsreform – aufzugeben, um in jedem Fall „etwas hinzukriegen“ und keinesfalls als durchsetzungsschwach dazustehen. Wer heute das Wort vom „No Drama Obama“ gebraucht, will nicht unbedingt den abwägenden Juristen Obama beschreiben, sondern womöglich die emotionale Unberührtheit des Präsidenten. Viele werfen ihm vor, er sei zu sehr „scripted“: Er folge dem von ihm selbst verfassten Drehbuch seiner politischen Laufbahn, dessen Text er am liebsten vom Teleprompter abliest. Dies verstärkt bei vielen Amerikanern den Eindruck, ihr Präsident sei wie entrückt.

          Weitere Themen

          Im Smarthome auf Verbrecherjagd? Video-Seite öffnen

          Innenministerkonferenz : Im Smarthome auf Verbrecherjagd?

          Der Nutzung von Alexa oder Siri zur Überwachung Verdächtiger hat die Innenministerkonferenz in Kiel eine Absage erteilt. Andere Themen der Konferenz waren unter anderem die Bekämpfung der Clan-Kriminalität und des Kindesmissbrauchs.

          Topmeldungen

          Mutmaßliche Angriffe im Golf : Tanker, Lügen – und Videofilme

          Es gibt viele Deutungen der jüngsten Vorfälle im Golf von Oman. Ironischerweise gewinnt in der gegenwärtigen Krise Amerikas Position gegenüber Iran an Glaubwürdigkeit – gerade durch den Faktor Trump.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.