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Ein Jahr nach Fukushima : Im fröhlichen Atomkraftland

  • -Aktualisiert am

Schulbücher in Japan: Teil einer riesigen Werbekampagne für die Atomkraft Bild: livedoor.jp

Ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima werben japanische Schulbücher immer noch für die Kernkraft. Die Risiken werden kaum erwähnt.

          3 Min.

          „Das fröhliche Atomkraftland“ ist ein Schulbuch eigens für Grundschüler. Auf dem Titelblatt schweben putzige Roboter vor blauem Himmel mit Schäfchenwolken. In ihren Händen halten die „Robobrothers“ der „Mechatro-Grundschule“ Luftballons, auf denen Sonnen, Glühbirnen und ein Atom abgebildet sind. Ihr Lehrer ist Dr. Atomli, ein Männchen mit weißem Kittel und Schnurrbart, der auch durch das Buch führt: Wozu brauchen wir Strom in unserem Leben? Wie wird er erzeugt?

          Da Japan keine eigenen Rohstoffe hat, muss es mehr als 95 Prozent seiner Energie aus dem Ausland beziehen. Und dann gibt es ja noch die Erderwärmung. Die Roboter fragen besorgt: „Was sollen wir nur tun?“ Dr. Atomlis Lösung: Atomenergie. Am Ende des Buches fasst Dr. Atomli zusammen: „Ja, Kinder, um sicher Energie zu erzeugen, arbeiten die Verantwortlichen hart und gewissenhaft. Da sind auch große Erdbeben und Tsunamis kein Problem.“ Die Roboter atmen auf.

          „Das fröhliche Atomkraftland“ ist eines von mehreren Atomkraft-Schulbüchern, die das Erziehungsministerium 2010 herausgegeben hat. Nach dem Unglück von Fukushima wurde eine Überprüfung angeordnet. Offensichtlich von der Realität überholte Behauptungen wurden gestrichen, die Seitenzahl schrumpfte auf etwa die Hälfte. Bürgergruppen klagen allerdings, dass auch in den neuen Büchern die Vorteile der Atomenergie im Mittelpunkt stehen. Der Unfall von Fukushima wird nur einmal erwähnt.

          „Stiftung zur Förderung der Atomkraftkultur“

          Die Schulbücher sind Teil einer riesigen Werbekampagne, die von Ministerien, Stromversorgern, Maschinenbauern sowie wohlgesinnt Medien und Forschern betrieben wird. „Eigenständige Verwaltungskörperschaften“ - besetzt mit ehemaligen Bürokraten und Managern der Atomwirtschaft - übernehmen den Großteil der Werbearbeit. 50 Atomkraftkörperschaften hat der Verlag „Diamond“ 2010 in seinem „Handbuch zur Atomkraft“ gezählt. Finanziert wird das alles durch Subventionen und Aufträge der ehemaligen Arbeitgeber. Die Körperschaften heißen „Organisation für die Forschung und Entwicklung der Atomkraft“ oder „Stiftung zur Förderung der Atomkraftkultur“.

          Bilderstrecke

          Um die Bevölkerung zu überzeugen, wurden in den siebziger Jahren, nach der Erdölkrise, drei Energiegesetze beschlossen. Sie regeln die großzügige Subventionierung von Kraftwerksstandorten. 2009 wurden laut Wirtschaftsministerium knapp eine Milliarde Euro für öffentliche Bauaufträge in Gebieten mit Kraftwerken ausgegeben. Wenn ein Ort einmal dem Bau eines Reaktors zugestimmt hat, wird er von einem warmen Geldstrom überschwemmt.

          Bastelstunden für Kinder

          Dorfbewohner, deren bisherige Einnahmequellen Fischerei und Landwirtschaft waren, erhalten neue Beschäftigungsmöglichkeiten. So entstand etwa das Unternehmen Futaba in Fukushima, das Herings-Eiskrem herstellt. Landkreise, in denen nur noch wenige und zumeist alte Menschen leben, bekommen Tennisplätze und eindrucksvolle „Kulturzentren“. Nach ein paar Jahren fließt aber immer weniger Geld. Dann sind Einwohner und Politiker meist bereit, dem Bau eines zweiten Reaktors zuzustimmen.

          In diesen Gebieten häufen sich „Atomkraftmuseen“: Das „Traumschichthaus“ in Hokkaido wirbt mit futuristischem Design und bunten Farben für die Endlagerung von Atommüll in tiefen Erdschichten. Das Wissenschaftsmuseum in Mutsu im Norden der Hauptinsel hat die Form eines rosafarbenen Schiffs. Es erinnert an das erste japanische Atomforschungsschiff und bietet Bastelstunden für Kinder bis zur 6. Klasse an. Das „Aquatom“ in der Präfektur Fukui in Westjapan will mit den Themen Meer und Energie „das Interesse und die Kreativität“ der jugendlichen Besucher wecken.

          Baseball-Beckenbauer für Atomkraft

          Bis ins Jahr 2011 wurden in Japan viele Werbespots produziert, in denen sich Prominente für die Atomkraft aussprachen. Hoshino Senichi zum Beispiel, eine Art japanischer Baseball-Beckenbauer. In einem Werbespot preist er Atomkraft als Mittel gegen die Erderwärmung. Hoshino läuft über einen weißen Sandstrand, im Hintergrund rauschen die Wellen, und sagt: „Auch ich bin ein temperamentvoller Typ, aber wenn es noch heißer wird, kriegen wir Probleme.“

          Der Erfolg der Werbung lässt sich besichtigen beim jährlichen Posterwettbewerb am „Tag der Atomkraft“, dem 26. Oktober. Zuletzt reichten 7000 Schüler Bilder ein: „Das fröhliche Leben, ermöglicht durch Atomkraft“, „Was kann man mit Strahlung alles machen?“, „Wohin mit Atommüll?“ Die Seiten mit den preisgekrönten Postern sind zwar verschwunden, sie lassen sich aber dennoch leicht finden im Netz. Eines der Bilder zeigt einen Reaktor auf einer Blumenwiese. Davor spielt ein Kind mit seinem Hündchen. Seifenblasen steigen in die Luft. „Danke für die saubere Luft, Atomkraft“.

          Der Atomkraftposter-Wettbewerb ist bis auf weiteres ausgesetzt. Atomkraftmessen wurden abgesagt, viele „Atompromis“ haben sich für ihre früheren Aussagen entschuldigt. Das atomwirtschaftliche Netzwerk hat seine Arbeit aber nicht eingestellt. Der nach dem Atomunfall gegründete „Food Communication Compass“ versteht sich als „Verbrauchernetzwerk für die wissenschaftliche Bewertung von Nahrungsmittelsicherheit“. Er bekämpft die „nicht auf wissenschaftlichen Tatsachen fußenden Gerüchte in den Massenmedien“ und fordert eine „gelassene Haltung“ gegenüber Radioaktivität in Lebensmitteln.

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