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Bericht aus Minsk : „Es gab eine Zeit, in der war ich in der Familie der einzige Oppositionelle“

Kein Regimesturz: Der belarussische Machthaber Aleksandr Lukaschenka ist auch nach den jüngsten Großprotesten weiter im Amt. Bild: Reuters

Anton Liavitski promoviert über Regimekritiker in Belarus und kehrte im Juli in seine Heimatstadt Minsk zurück. Im Interview erzählt er von Protesten, Unzufriedenheit und dem Schweigen der Lukaschenka-Anhänger.

          3 Min.

          Herr Liavitski, warum sind Sie Anfang Juli, nach vier Jahren als Doktorand an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wieder in Ihre Heimatstadt Minsk zurückgekehrt?

          Niklas Zimmermann
          Redakteur in der Politik.

          Es ist nur vorübergehend, aber meine Doktorandenstelle ist ausgelaufen. Das Leben in München ist richtig teuer.

          Haben Sie damit gerechnet, mitten in einen politischen Aufruhr zu geraten?

          Das war einer der Gründe für mich, möglichst schnell zurückzukehren. Es hatte sich schon im Juni abgezeichnet, dass es in Belarus eine große Nachfrage nach politischem Wandel und Protest gibt. Ich dachte: Ich will diese neue Begeisterung vor Ort miterleben.

          Was haben Sie in den knapp zwei Wochen seit der Präsidentenwahl getan, während der Streiks und Großdemonstrationen?

          Ich habe natürlich mitprotestiert, schon am Wahlabend. Aber als die Gewalt zugenommen hat, habe ich mich herausgehalten. Seitdem es offensichtlich die Entscheidung gab, die Polizeigewalt zu reduzieren, gehe ich wieder öfter auf die Straße.

          Man hört, dass Aleksandr Lukaschenka die Kontrolle im Land zurückgewinnen will. Bemerken Sie davon etwas?

          Man spürt das sehr stark in der Berichterstattung. Es werden neue strafrechtliche Ermittlungen in die Wege geleitet, gegen den Koordinationsrat der Opposition und auch gegen Streikende. Aber auf der Straße merkt man davon eigentlich nichts. Man wartet jetzt mit Spannung auf das Wochenende, ob es wieder zu großen Demonstrationen kommen wird.

          Die Proteste sind also zurückgegangen?

          Es gibt ein Gefühl der Routine. Die größten Hoffnungen ruhen auf den Streiks. Aber das entscheidet sich nicht auf der Straße, sondern in den Betrieben.

          Sie haben erzählt, Sie seien „müde“ von der ganzen Situation. Warum?

          Das geht im Moment wohl vielen so. Die Oppositionelle Maria Kolesnikowa hat es „emotionale Achterbahn“ genannt. Den einen Tag haben wir das Gefühl, als hätten wir das Regime besiegt, den nächsten Tag bricht der Pessimismus aus. Es gilt seit Jahren als Dogma der Opposition, dass, wenn Hunderttausend auf die Straße gehen, das Regime auch stürzt. Doch am Sonntag haben die Leute friedlich dafür demonstriert und am Montag war immer noch alles beim Alten.

          Anton Liavitski
          Anton Liavitski : Bild: privat

          Glauben Sie, dass sich Präsident Lukaschenka noch retten kann?

          Das ist gut möglich. Ich glaube, der Plan und die Hoffnung der Opposition war, dass sich die Elite spaltet. Dies ist bisher aber nicht geschehen. Den größten Widerspruch zu Lukaschenka gibt es unter Journalisten, unter Ärzten, in der kulturellen Elite. Diese Leute gehen ein großes Risiko ein. Aber es ist nicht klar, wie das zum Fall von Lukaschenka führen soll.

          Und wenn es doch anders kommt?

          Ich bezweifle, dass die Wahlkommission die Gegenkandidatin Swetlana Tichanowskaja zur Wahlsiegerin erklärt. Es wird höchstens eine Annullierung der Wahl und eine Wiederholung geben. Dann erwarte ich, dass der Rechtsstaat in Belarus wiederhergestellt wird und alle Kandidatinnen und Kandidaten zugelassen werden.

          Sie forschen in Ihrer laufenden Doktorarbeit zu Oppositionellen in Belarus in den vergangenen dreißig Jahren. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

          Der erste Impuls war, zu verstehen, warum die Opposition gescheitert ist und Lukaschenka gewonnen hat. Es ist aber auch eine Forschungslücke. Die Historiker befassen sich noch nicht so gerne damit, was seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion passiert ist.

          Was ist am aktuellen Widerstand gegen Lukaschenka anders als in den 26 Jahren zuvor?

          Sehr vieles. Natürlich ist es vor allem die Unzufriedenheit mit dem Regime. Die ursprünglichen Kandidaten, aber auch Tichanowskaja, sind einen bewussten Bruch mit den alten Dogmen der Opposition eingegangen. Wiktar Babaryka, der vor seinem Ausschluss als Favorit der Oppositionellen gegolten hat, hat einmal gesagt, den Willen des Volkes könne man nicht verändern. Wenn man aber spürt, dass man eine relative Mehrheit vertritt, spricht und handelt man anders, als wenn man eine kleine Minderheit repräsentiert.

          Ein Lukaschenka-Unterstützer am Freitag in Minsk.
          Ein Lukaschenka-Unterstützer am Freitag in Minsk. : Bild: AFP

          Was haben die Oppositionellen zuvor falsch gemacht?

          Das Regime hat natürlich alles dafür getan, die Politik zu marginalisieren und gefährlich für diejenigen zu machen, die etwas verändern wollen. Doch die Opposition hat den Fehler gemacht, so zu tun, als wäre das ganze Leben in Belarus abnormal und illegitim. Man sollte lieber in die Zukunft schauen und nicht über die Vergangenheit reden. So gibt man den Leuten nicht das Gefühl, dass ihr ganzes Leben weggenommen wird, wenn man sagt: „Ihr habt jetzt 26 Jahre unter Lukaschenka gelebt und das war ein einziger Betrug.“ Das wertet die Menschen ab. Und das wollen die Leute auch nicht hören.

          Wie steht eigentlich Ihre Familie zu Lukaschenka und den Protesten?

          Es gab eine Zeit, in der war ich in der Familie der einzige Oppositionelle. Jetzt ist die Stimmung gekippt und wir reden so viel über Politik wie noch nie.

          Was hören Sie von den Unterstützern von Lukaschenka?

          Sie sind sehr still geworden, denn ich glaube, sie haben keine Argumente mehr. Sie sagen: „Lass uns lieber nicht über Politik reden.“ Doch es ist im Moment unmöglich, diesem Thema zu entkommen. Das habe ich meinem Leben in Belarus noch nie erlebt.

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