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Kommunalwahlen in Spanien : Ein Deutscher will Barcelona retten

Die Bürger Barcelonas könnten am Sonntag erstmals einen separatistischen Bürgermeister wählen (Archiv). Bild: dpa

Karl Jacobi will in Barcelona Bürgermeister werden und gibt sich als „Problemlöser“ – doch seine Chancen sind gering. Der ehemalige französische Premier Manuel Valls könnte es dagegen wenigstens in den Stadtrat schaffen.

          Der Strand liegt nicht weit weg von seinem Haus. Aber Karl Jacobi denkt nicht an den Ruhestand. Stattdessen zieht der 71 Jahre alte Deutsche mit seinem mit Wahlplakaten beklebten Rollwagen durch die Straßen von Barcelona, verteilt Flugblätter und lässt sich als „Faschist“ beschimpfen. Er sei ein „Problemlöser“, sagt der gebürtige Kölner, der seit fast 40 Jahren in Barcelona lebt; seine rheinländische Sprachmelodie hat er bis heute nicht abgelegt. Bei den spanischen Kommunalwahlen am Sonntag will er „Barcelona retten“ – vor einem drohenden Bürgerkrieg und dem wirtschaftlichen Untergang.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Im vergangenen Jahr war ihm der Kragen geplatzt: Über Nacht wurde er damals berühmt. Während einer Veranstaltung des „Kreises deutschsprachiger Führungskräfte“ im März 2018 attackierte er Roger Torrent, den neugewählten Präsidenten des katalanischen Regionalpräsidenten. „Seit 30 Jahren belügen Sie die Bevölkerung“, warf er dem Separatisten vor, der sich für die Unabhängigkeit Kataloniens einsetzt. „Deshalb bin ich dafür, dass Sie alle ins Gefängnis gehen“, forderte Jacobi.

          Bürgermeister wird eher ein Separatist

          Das waren ungewohnt undiplomatische Worte vor einem sonst eher diskreten Gremium, das sich um Kontakte zu allen Seiten des politischen Spektrums bemüht. „Das hat denen noch niemand so offen gesagt. Dazu ein Deutscher. Ich war der Held“, erinnert sich Jacobi, dem es an Selbstbewusstsein nicht mangelt: Er habe 15.000 zustimmende E-Mails und Briefe erhalten. Mehrere Parteien hätten versucht, ihn für sich zu gewinnen. Doch Jacobi, der in seiner Berufslaufbahn vier Firmen für Werbung und Kommunikation gegründet hat, entschied sich, eine eigene Partei zu gründen. „Jacobi als Bürgermeister“, lautet Slogan seiner „Bürgerbewegung“, die der zweitgrößten Stadt Spaniens „Ordnung und Gerechtigkeit“ verspricht.

          Karl Jacobi sieht sich als Dienstleister für seine Wähler.

          Laut Umfragen wird die neue Partei jedoch nicht einmal ein Oppositionsmandat im Stadtrat gewinnen, der am Sonntag zusammen mit dem Europaparlament gewählt wird. Dafür wird es vielleicht zum ersten Mal ein Separatist schaffen, Bürgermeister zu werden. Ernest Maragall von der ERC-Partei des von Jacobi beschimpften Parlamentspräsidenten Torrent könnte knapp über die linksalternative Bürgermeisterin Ada Colau siegen.

          Für seine Wähler hat Jacobi einen „Friedensplan“ ausgearbeitet, der vorsieht, Ministerien aus Madrid nach Barcelona zu verlegen. Auf einer künstlichen Insel will er Häuser bauen, um die Wohnungsnot zu lindern, und Barcelona zur „digitalen Hauptstadt“ des ganzen Landes machen. Die Wähler, die er in einer eigenen Umfrage nach ihren Wünschen befragen ließ, sind für ihn „Kunden“, die ihm „Sollvorgaben“ machen. Hat er sie erfüllt, wird er wieder verschwinden, wie er es als Unternehmer gewohnt ist. Er sei keiner dieser „mafiösen“ Politiker, die in ihrem Leben noch nie richtig gearbeitet hätten und denen es nur um sich selbst, nicht um ihre Stadt gehe. Mit einer Crowdfunding-Kampagne hat er seinen Wahlkampf finanziert.

          Nicht der einzige zugereiste Kandidat

          Karl Jacobi ist nicht der einzige zugereiste Kandidat in Barcelona. Manuel Valls wird es zumindest wohl auf die harten Oppositionsbänke schaffen. Noch vor zwei Jahren wollte der Sozialist französischer Staatspräsident werden. Aber der einstige französische Regierungschef und Innenminister unterlag in der Vorwahl bei den Sozialisten. Bald darauf verließ er Frankreich und kehrte nach Barcelona zurück. Dort wurde der Politiker als Sohn eines katalanischen Vaters und einer aus dem italienischsprachigen Teil der Schweiz stammenden Mutter vor 56 Jahren geboren. Er wuchs in Paris auf, wo er sich mit 20 Jahren einbürgern ließ; Valls, der fließend Katalanisch und Spanisch spricht, behielt gleichzeitig seine spanische Staatsangehörigkeit.

          Er habe vor allem „aus privaten Gründen einen neuen Horizont gesucht“, gibt der Kandidat aus Paris zu. Es sei Zeit für eine Veränderung gewesen, muss er im Wahlkampf immer wieder erläutern. Im vergangenen Jahr hat er sich von seiner zweiten Ehefrau, der bekannten Geigerin Anne Gravoin, getrennt. In Katalonien ist der Fan des FC Barcelona mittlerweile mit einer der reichsten Frauen der Stadt liiert und unterrichtet nebenher an der Wirtschaftshochschule ESADE. Die rechtsliberale Ciudadanos-Partei, die die letzten Regionalwahlen gewonnen hatte, verzichtete auf einen eigenen Kandidaten und unterstützt Valls.

          Der frühere Innenminister tritt mit dem Versprechen an, in Barcelona für mehr Sicherheit zu sorgen. Die zunehmende Kriminalität nennen die Bürger der Stadt als ihr größtes Problem. Zugleich hat er dem katalanischen „Nationalismus, der die Menschen trennt“, den Kampf angesagt. Valls verspricht seinen Wählern ein offenes, katalanisches und europäisches Barcelona. Sein Angebot könnte laut den letzten Umfragen reichen, um viertstärkste Kraft im neuen Stadtrat zu werden – noch vor der Partei des nach Belgien geflohenen Regionalpräsidenten Carles Puigdemont. Valls gibt sich weiter siegesgewiss. „Wir werden die große Überraschung in historischen Wahlen sein“, kündigt er unermüdlich an, während in Barcelona die Skepsis wächst, ob es der ehemalige Premierminister als einfacher Stadtrat lange im Kommunalparlament aushält.   

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