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Gaddafi in Paris : Ein beheiztes Beduinenzelt mitten in der Stadt

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Die Franzosen nehmen mit Verwunderung die Extravaganzen des Staatsgastes Gaddafi wahr, in dem ihr Präsident einen verlässlichen Partner für kommendes Wirtschaftswachstum und Wohlstand sieht. Doch Sarkozy scheint die Freude an seinem neuen Freund zu verlieren.

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          Nicht ein Streik, sondern ein schlecht rasierter, pockennarbiger Mann mit großen Ray-Ban-Sonnenbrillen und dunkel kräuselndem Haarschopf provoziert dieser Tage Staus auf den Champs-Elysées. Wann immer die weiße Luxuslimousine deutscher Fabrikation des libyschen Staatschefs Gaddafi sein Pariser Basislager, ein beheiztes Beduinenzelt schräg gegenüber vom Elysée-Palast, verlässt, führt das zu langen Autoschlangen auf der Prachtavenue.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das liegt vor allem an der bis zu 30 Wagen zählenden Eskorte, in denen sich die wehrhaften Amazonen Gaddafis, seine bewaffnete Leibgarde, räkeln können. Die Franzosen entdecken dieser Tage etwas ungläubig die Extravaganzen eines Staatsgastes, in dem Präsident Sarkozy einen verlässlichen Partner für kommendes Wirtschaftswachstum und Wohlstand sieht.

          Sarkozy öffnete ihm die Pforten des Elysée-Palastes

          Seine Freude über den Besuch Gaddafis, die er noch beim EU-Afrika-Gipfel in Lissabon lauthals in ein Mikrofon prustete, dürfte Sarkozy spätestens seit den Vorträgen Gaddafis über die Menschenrechte der Einwanderer in Frankreich vergangen sein. In der in Paris heimischen Unterorganisation der Vereinten Nationen Unesco reckte der jahrzehntelang im internationalen Bann waltende libysche Staatschef triumphierend die Arme in die Höhe. Auf dem Revers seiner togenhaften schwarzen Anzugsjacke hatte er sich eine grüne Afrikaplakette gehaftet.

          Wie ein gealterter Rockstar?

          Über die Menschenrechte habe er mit Präsident Sarkozy nicht geredet, bekräftigte er noch einmal – nachdem Sarkozy zuvor behauptet hatte, mit dem Libyer genau darüber gesprochen zu haben. Im französischen Staatssender France 2 hatte er noch hinzugefügt: Sarkozy sei schließlich ein Freund, mit dem er über wirtschaftliche Zusammenarbeit rede. Das durfte Gaddafi am Mittwoch zum zweiten Mal, am Nachmittag öffnete Sarkozy ihm abermals die Pforten des Elysée-Palastes.

          Aber falls sein neuer Freund ungemütlich werden wollte, hatte Gaddafi schon mal das Wesentliche vorangeschickt: „Wer anderen Vorhaltungen über die Menschenrechte machen will, soll sich um die Einhaltung der Menschenrechte in seinem eigenen Land kümmern“, sagte Gaddafi in der Unesco. Wie sieht es eigentlich aus mit dem Respekt der Menschenrechte für die Menschen, die nach Europa einwandern, fragte er hämisch vor einem Publikum, das von der libyschen Botschaft ausgewählt worden war.

          In Frankreich wartet man sehnsüchtig auf Gaddafis Abreise

          Der wie ein Verschnitt aus gealtertem Rockstar und Kameltreiber auftretende Gaddafi ließ am Mittwoch im Luxushotel Ritz die Gelegenheit nicht aus, der versammelten Unternehmerschaft zu zeigen, wer der Herr in der noblen Herberge sei: Gaddafi, der große Revolutionsführer, der nichts davon gehört haben will, das seine Anwesenheit zu einigen Aufwallungen im Heimatland der Französischen Revolution und der Menschenrechtserklärung führt. Mit dem französischen Fernseh-Anchorman, den er in sein Beduinenzelt zu einem Exklusivinterview geladen hatte, verfuhr er ähnlich. Libyen brauche keine Wahlen, weil sich die Leute selbst verwalteten, sagte er, politische Häftlinge gebe es keine, und nie, ja, wirklich nie habe Libyen den Terrorismus unterstützt, sagte Gaddafi.

          Nicht nur der Fernsehmoderator schien verwundert darüber, zu welchem Menschen Präsident Sarkozy seine – inzwischen geschiedene – Ehefrau Cécilia zu „50 Stunden ununterbrochenen Verhandlungen“ im Sommer geschickt hatte. Die hatte sich nach ihrem Verhandlungsmarathon in Tripolis zur Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern als „erschöpft“ bezeichnet. Das scheint Sarkozy inzwischen auch zu sein. Zumindest das Protokoll im Elysée-Palast wartet schon sehnsüchtig auf den Augenblick, an dem Gaddafi samt seiner drei Flugzeuge füllenden Begleitung nach Spanien aufbricht. Kurzzeitig soll am Mittwoch nervöse Hysterie den Palast erfasst haben, weil eine Agenturmeldung einen verlängerten Aufenthalt des libyschen Staatschefs ankündigte.

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