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Umstrittene Ehrung : So kann Orbán den Antisemitismus-Vorwurf nicht entkräften

Viktor Orbán hat eigentlich viel getan, um den Antisemitismus-Vorwurf gegen ihn zu entkräften. Etwa bekannte er sich deutlich zur ungarischen Mitschuld am Holocaust. Bild: Reuters

Während EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber in der Krise mit Ungarns Regierungschef noch die Wogen glättete, rollt bereits die nächste Welle. Die Auszeichnung eines antisemitischen Dichters stellen viele Bemühungen Orbáns wieder in Frage.

          Gerade schienen mit dem Besuch von EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber bei Viktor Orbán in Budapest die Wogen in der Europäischen Volkspartei geglättet worden zu sein. Weber hatte drei Bedingungen für einen Verbleib von Orbáns Partei Fidesz in der EVP genannt und es schien, als gebe es nun einen Weg für Orbán, diese gesichtswahrend zu erfüllen. Doch kaum hatte Weber von einem konstruktiven Austausch gesprochen, den er am Dienstag in der ungarischen Hauptstadt mit Orbán gepflegt hatte, wurde schon der nächste Grund zur Aufregung bekannt. Diesmal ging es um einen Poetenpreis.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Kornel Döbrentei, ein 72 Jahre alter Dichter und Essayist, erhielt von der Regierung den „Lorbeerkranz Ungarns“, eine Auszeichnung für schriftstellerische Leistungen. Nun ist Döbrentei außerhalb Ungarns weitgehend unbekannt, und wer ihn kennt, kennt ihn eher nicht wegen seiner Poesie, sondern wegen eines Skandals. Vor 14 Jahren sind mehr als hundert ungarische Literaten, darunter Imre Kertesz, Peter Esterhazy und György Konrad, aus dem Schriftstellerverband ausgetreten, um gegen als antisemitisch klassifizierte Äußerungen Döbrenteis zu protestieren; genauer: dagegen, dass der Verband daraus keine Konsequenzen gegen Döbrentei zog.

          Der Dichter hatte an einer Demonstration von Rechtsradikalen teilgenommen, auf der israelische Fahnen verbrannt worden waren. Er rief dabei zum Protest gegen einen angeblichen „moralischen Holocaust gegen das ungarische Volk“ auf. Dieser werde durch „falsche Propheten in Verkleidungen und Masken“ dirigiert, „nur ihr Bart ist echt“. Das wurde als Anspielung auf Juden verstanden, ebenso wie diese Worte: „Eine Minderheit will sogar ihre mitgebrachte Kultur, sogar ihre materiellen, politischen Absichten und Bestrebungen einem Volk mit Gewalt aufdrängen.“

          Dieser Mann erhält nun also von der ungarischen Regierung eine Auszeichnung. Und das praktisch zur gleichen Stunde, zu der der EVP-Emissär Weber nach seinem Gespräch mit Orbán in der großen Synagoge von Budapest die Häupter der ungarischen jüdischen Gemeinden trifft und bekräftigt, dass seine Parteienfamilie jede Form des Antisemitismus ächte. Dabei wissen Orbán und die Seinen aus Erfahrung, dass Preisverleihungen an Personen, die mit antisemitischen Zitaten in Verbindung gebracht werden, im Ausland immer eine Welle schlagen – selbst wenn in Ungarn der eine oder andere sie für aufgebauscht halten mag.

          Verschwörungstheoretische Kampagnen gegen Milliardär Soros

          Antisemitismus ist ein Vorwurf, der immer wieder mal gegen Orbán und seine Partei Fidesz erhoben worden ist. Das liegt zum einen an früheren Äußerungen, in denen die einschlägig belastete Vokabel „fremdherzig“ vorgekommen ist; es liegt aber auch an einer mindestens zwiespältigen Geschichtssicht gegenüber dem Zwischenkriegsregime von Miklós Horthy, in dem die ersten Anti-Juden-Gesetze des modernen Europas eingeführt wurden; und es liegt vor allem an den verschwörungstheoretischen Kampagnen gegen George Soros, einen aus einer ungarischen jüdischen Familie stammenden Milliardär, dem Orbán und seine Partei unterstellen, die Nationen Europas durch Vermischung mit Millionen Einwanderern aushöhlen zu wollen.

          Dabei hat Orbán auf der anderen Seite vieles getan, um den Vorwurf des Antisemitismus gegen ihn zu entkräften. Er hat in einer Klarheit, die vorherige Regierungen nicht zuwege gebracht hatten, eine Mitschuld von Ungarn am ungarischen Teil des Holocausts bekannt und beklagt. Seine Regierung hat zur allgemeinen Zufriedenheit, soweit Reaktionen bekanntwurden, ein Vorsitzjahr in einer internationalen Kooperation zum Holocaust-Gedenken absolviert. András Heisler, der Vorsitzende des Dachverbands ungarischer jüdischer Gemeinden (Mazsihisz), lobte denn auch nach dem Treffen mit Weber grundsätzlich die Zusammenarbeit mit der Regierung. Sie respektiere die Bedürfnisse der Gemeinden bei der Religionsausübung, den Traditionen und der Sicherheit. Man habe Meinungsverschiedenheiten, was Fragen des historischen Gedenkens betrifft (da geht es um Horthy im weiteren Sinne) und wegen der Radikalisierung des öffentlichen Diskurses. „Aber diese Diskussionen haben nichts mit Antisemitismus zu tun,“ betonte er. Weber möge dies bei seiner Entscheidung beachten.

          Es bleibt natürlich trotzdem die Frage: Warum gerade jetzt diese Auszeichnung für gerade diesen Poeten?

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