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Ebola-Epidemie in Liberia : Auf der Suche nach Sündenböcken

  • -Aktualisiert am

Ein Mediziner nähert sich einem mutmaßlich mit Ebola infizierten Mädchen Bild: DANIEL BEREHULAK/The New York Ti

In Liberia ist durch die Ebola-Epidemie inzwischen das gesamte öffentliche Leben zum Stillstand gekommen. Die Regierung des Landes verwendet viel Energie darauf, ihre Kritiker mundtot zu machen.

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          Die Ankündigung der amerikanischen Regierung, bis zu 3000 Soldaten zur Bekämpfung der Ebola-Epidemie nach Liberia zu schicken, ist in Monrovia mit großer Erleichterung aufgenommen worden. „Unsere Regierung ist nicht in der Lage, uns zu schützen. Deshalb brauchen wir die Hilfe Amerikas dringend“, zitierte die Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch einen Einwohner der Hauptstadt.

          Die Hilfe ist auch deshalb willkommen, weil Amerika traditionell enge Beziehungen mit Liberia unterhält. Das einst als „Pfefferküste“ bekannte, heutige Liberia war 1822 von der „American Colonization Society“, einer Gesellschaft von weißen Amerikanern, gekauft worden, um dort freigelassene ehemalige schwarze Sklaven anzusiedeln. Bis heute stellen die Nachfahren dieser schwarzen Sklaven die politische und wirtschaftliche Elite des Landes.

          Bewegungsfreiheit im Land ist stark eingeschränkt

          Liberia kann derzeit jede Hilfe gebrauchen. Das mit Abstand am schlimmsten von der Epidemie betroffene Land steht offenbar kurz vor dem Zusammenbruch. Neben dem kollabierten Gesundheitssystem ist in Liberia inzwischen nahezu das gesamte öffentliche Leben zum Stillstand gekommen. Die Bewegungsfreiheit im Land ist stark eingeschränkt, viele Märkte sind geschlossen, und die öffentliche Verwaltung ist nicht mehr existent, weil die Staatsbediensteten aus Furcht, sich anzustecken, nicht mehr zum Dienst erscheinen.

          Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf hatte in der vergangenen Woche zehn hohe Ministerialbeamte entlassen, darunter zwei Staatssekretäre im Justizministerium, weil diese sich trotz der Aufforderung, nach Liberia zurückzukehren, weiter im Ausland aufhalten. Zwanzig leitenden Angestellten der Strom- und Wasserwerke wird seit Wochenbeginn kein Gehalt mehr gezahlt, weil diese sich weigern, dringend notwendige Reparaturen im Landesinneren auszuführen, wo die Epidemie besonders schlimm wütet.

          „Diese Regierung ist schlichtweg unfähig“

          Angesichts der dramatischen Lage im Land nimmt es allerdings wunder, wie viel Energie der Regierungsapparat darauf verwendet, seine Kritiker mundtot zu machen. Der Vorsitzende des liberianischen Journalistenverbandes, Abdullai Kamara, beschwerte sich zu Beginn dieser Woche über willkürliche Schließungen von Zeitungen, Festnahmen von Journalisten und ein generelles „Klima der Angst“. Die Zeitung „National Chronicle“ musste am 14. August ihren Betrieb einstellen, weil sie über Auslandsliberianer berichtet hatte, die offenbar eine Ablösung der Präsidentin betreiben.

          Die Chefredakteurin der Zeitschrift „Women Voices“ wurde am 29. August festgenommen, nachdem sie über Korruptionsfälle bei der für die Einhaltung der Quarantänebestimmungen zuständigen Polizei berichtet hatte. Und die Redaktionsstuben des als investigativ bekannten „FrontPage Africa“ wurden von der Bereitschaftspolizei durchsucht und verwüstet, ohne dass es dafür eine Begründung gab. Nach Einschätzung von Philibert Browne, dem Chefredakteur des „National Chronicle“, sucht die Regierung nach „Sündenböcken“, um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. „Diese Regierung ist schlichtweg unfähig, das sieht man ja an ihrer Antwort auf die Ebola-Epidemie.“

          Den jüngsten Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge sind in fünf betroffenen Ländern in Westafrika (Liberia, Guinea, Sierra Leone, Nigeria und Senegal) mittlerweile 2461 Menschen an der Krankheit gestorben, davon 1296 allein in Liberia. Bis zum Jahresende könnte nach Einschätzung der WHO die Zahl der Infizierten von jetzt knapp 5000 Fällen auf über 20000 ansteigen.

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