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Serbien : Putin, Milch und Honig

Wohl gesetzter Furor: Vojislav Šešelj lässt sich am Samstag in Belgrad von seinen nationalistischen Anhängern feiern. Bild: AFP

Im UN-Gefängnis wetterte der serbische Nationalistenführer Šešelj gegen alle und jeden. Jetzt kehrt der krebskranke Chauvinist in seine Heimat zurück und wirbt für eine Allianz mit Putins Russland – muss uns das interessieren? Es sollte.

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          Elf Jahre und acht Monate lautete seine Adresse: Vojislav Šešelj, UN-Haftanstalt, Pompstationsweg 32, 2508 Den Haag, Niederlande. Nach 4280 Tagen im Gefängnis und einem nicht zuletzt durch seine ständigen Obstruktionen immer noch nicht beendeten Prozess ist der serbische Nationalistenführer nun wieder frei. Frühestens Mitte 2015 wird ein Urteil über ihn gefällt – sofern er dann noch lebt, denn der Angeklagte leidet an Leberkrebs. Formal war das auch der Grund, aus dem ihn das Tribunal in der vergangenen Woche unter der Auflage, sich zur Urteilsverkündung wieder vor Gericht einzufinden, aus der Haft entließ. Doch kaum in Belgrad angekommen, sagte Šešelj, der in den ersten 72 Stunden nach seiner Rückkehr drei öffentliche Auftritte abhielt, freiwillig werde er keineswegs wieder nach Den Haag gehen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Ein kranker Chauvinist kehrt in seine Heimat zurück und hält dort einige Reden – muss das jemanden interessieren? Es sollte. Zwar wird Šešelj schwerlich wieder an Zeiten anknüpfen können, als er bei Präsidentenwahlen mehr als 1,7 Millionen Stimmen erhielt und seine „Serbische Radikale Partei“ (SRS) die stärkste politische Kraft Serbiens war. Doch es könnte ihm gelingen, die wirtschaftliche Misere des Balkanstaates zu nutzen, um für seine Idee zu werben, Serbien zugunsten eines Bündnisses mit Russland aus seiner angestrebten Westbindung herauszulösen. Das wurde schon bei Šešeljs ersten Auftritten deutlich, bei denen man ihm seine Krankheit oder auch nur das geringste Zeichen körperlicher Schwäche nicht ansah.

          „Wir begrüßen den Sieger“ lautete das Motto der Kundgebung auf dem Belgrader Platz der Republik am Samstag. Just dort hatte er im Februar 2003 auch seine letzte Rede gehalten, bevor er sich dem Haager Tribunal stellte, dessen damalige Chefanklägerin Carla Del Ponte ihn wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Bosnien, Kroatien sowie der serbischen Provinz Vojvodina angeklagt hatte. „Gott hat es mir nicht gegeben, mit den serbischen Helden auf dem Schlachtfeld in den vordersten Kampflinien zu sterben“, sagte Šešelj 2003 und bat seine Anhänger: „Lasst nicht zu, dass nach mir auch nur ein Serbe nach Den Haag geht. Gebt (dem Tribunal) nicht Radovan Karadžić, gebt nicht General Mladić.“ Es genüge, wenn er, Šešelj, vor Gericht stehe: „Wenn ich dort sein werde, wird es genauso sein, als wären dort alle serbischen Tschetniks, alle serbischen Helden.“

          Ein Jahrzehnt später sieht die Welt auch in Serbien anders aus. Der bosnische Serbenführer Karadžić und sein General Ratko Mladić, der 1995 in Srebrenica mehr als 7000 Muslime töten ließ, stehen im Haag vor Gericht. Und in Belgrad regieren heute zwei Männer, die einst Šešeljs engste Weggefährten waren, sich 2008 aber von ihm abwandten. Der eine ist Staatspräsident Tomislav Nikolić, der freilich bis heute nicht kaschieren kann, dass er weiterhin ein serbischer Nationalist ist. Der andere ist der ungleich intelligentere Regierungschef Aleksandar Vučić, ein Freund von Gerhard Schröder, der von Helmut Kohl zu einer Audienz in Oggersheim empfangen wurde und Angela Merkel (neben Wladimir Putin und Ungarns Regierungschef Viktor Orbán) zu seinem Vorbild erklärt hat. Im Jahr 2003 verabschiedete sich Šešelj am Belgrader Flughafen noch mit drei Wangenküssen von Nikolić und einem mit den Tränen ringenden Vučić. Heute hat er nur ein Ziel: den Sturz der beiden Männer. Das seien „Verräter, die sich vom serbischen Nationalismus losgesagt haben und Diener westlicher Mächte wurden“, schimpfte Šešelj in seiner ersten Ansprache auf dem Balkon des Hauptquartiers seiner Partei im Belgrader Vorort Zemun.

          Als Hetzer ist er in seinem Element

          Als begnadeter Demagoge weiß Šešelj, wie er seinen einstigen Paladinen am besten zusetzen kann. „Ich werde mich nicht stellen“, sagte er auf einer Pressekonferenz am Wochenende zu der Forderung des in Serbien verhassten Kriegsverbrechertribunals, sich zur Urteilsverkündung wieder nach Den Haag zu begeben. „Und wenn sie dann der Regierung der Republik Serbien einen Befehl geben, werden Tomislav Nikolić und Aleksandar Vučić entscheiden, was sie mit dem Befehl machen. Ich werde nirgendwohin flüchten. Wenn Tomislav Nikolić und Aleksandar Vučić entscheiden, mich zu verhaften, dann können sie mich verhaften.“ Das wäre, merkte Šešelj genüsslich an, „ein historisches Paradox, vielleicht in gewisser Weise auch eine historische Wahrheit: Jene, die meine engsten Mitarbeiter waren und meine direktesten Mittäter bei all meinen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Tomislav Nikolić und Aleksandar Vučić, liefern mich an das Haager Tribunal aus.“

          Die Pointe saß. Dass Šešelj freimütig von seiner Krankheit erzählte und berichtete, er habe den zwei Metastasen, die seine Ärzte bei ihm entdeckt haben, die Namen Nikolić und Vučić gegeben, verbreitete sich in Serbien ebenfalls in Windeseile über die sozialen Medien. Auch als Hetzer war Šešelj wieder ganz in seinem Element. Einst hatte er einen politischen Konkurrenten von seinen Leibwächtern krankenhausreif schlagen lassen und später lächelnd verkündet, sein Widersacher sei leider auf einer Bananenschale ausgerutscht und obendrein eine Treppe heruntergefallen. Nun sagt er mit sicherem Gespür für die rhetorische Entgleisung über das Attentat auf den serbischen Ministerpräsidenten und Reformer Zoran Djindjić, der 2003 kurz nach Šešeljs Abreise nach Den Haag in Belgrad erschossen wurde: „Ich habe mich damals gefreut, und ich habe auch nicht die Absicht, das zu verheimlichen. Ich bin auf diese Freude sogar stolz, denn das serbische Volk hat sich damals von einem großen Verräter befreit.“

          „Schurkenpapst Benedikt“

          So etwas kennt man von Šešelj, der seine Haager Haftjahre nutzte, um Bücher zu schreiben wie das mehr als 1000 Seiten umfassende Werk „Das verbrecherische römisch-katholische Projekt der künstlichen kroatischen Nation“, gewidmet „serbischen Helden, die ihre Leben dem Altar von Vaterland und Serbentum darbrachten“. Im Haag entstand auch Šešeljs autobiographisch gefärbte Schrift „In den Klauen der Nutte Del Ponte“. Richter des Kriegsverbrechertribunals bezeichnete er unter Anspielung auf ihr Herkunftsland oder mutmaßliche sexuelle Orientierungen als „perfide maltesische Ratte“, „lügende Schwuchtel“ oder „niederländischen Hurensohn“. Besonders tat er sich aber durch „Biographien“ und „Charakterstudien“ europäischer Politiker hervor, so in seinen Büchern „Das englische Schwuchtelarschloch Tony Blair“, „Der perfide gallische Schwanz Jacques Chirac“ oder „Roms Schurkenpapst Benedikt der XVI.“.

          All das ließe sich als Zeitvertreib eines an Graphomanie leidenden Primitivlings abtun, aber Šešelj hat durchaus erkannt, wo er die jetzige Regierung wirksam angreifen kann: Um Serbien vor dem Staatsbankrott zu bewahren, hat Ministerpräsident Vučić Renten und Beamtenbezüge unlängst radikal kürzen lassen. Serbien hat zwar Beitrittsverhandlungen mit der EU begonnen, aber die Arbeitslosigkeit steigt, die Reallöhne sinken. Šešelj dagegen lockt mit Putin, Milch und Honig: „Von Versprechen kann man nicht länger leben. Wir brauchen eine vollkommen neue Wirtschaftspolitik. Warum kommen wir nicht aus der Krise? Weil unsere Grenzen weit geöffnet sind für alle Waren aus dem Westen. Das erwürgt die einheimische Produktion“, sagte er auf der Großkundgebung in Belgrad, die er am Samstag inszenierte.

          Er versprach dort Maßnahmen gehen die „Industrielobby aus dem Westen“, die für die Schließung serbischer Fabriken verantwortlich sei. Als Erstes müsse die „Importlobby“ zerstört und die heimische Wirtschaft mit Zöllen geschützt werden. „Und dann öffnen wir die Tore weit dem russischen Markt“, sagte Šešelj und musste in dem aufbrandenden Beifall eine Pause einlegen. Die westlichen Sanktionen gegen Russland seien eine Chance für den serbischen Export – wäre da nicht der böse Westen. „Wir dürfen jetzt nicht mehr nach Russland exportieren, aber holländische Lebensmittel und polnische Äpfel dürfen Serbien überschwemmen!“, skandierte Šešelj, wiederum unterbrochen von Sprechchören auf Serbien und Russland.

          Bewerbungsrede um Moskauer Hilfe

          Über weite Strecken hörte sich Šešeljs Rede an wie eine Bewerbungsrede um russische finanzielle Unterstützung für seine Partei. „Niemand, der dem serbischen Volk aufrichtig Gutes wünscht, will, dass Serbien Mitglied der EU wird“, sagt Šešelj, als er wieder gegen die Begeisterung anreden konnte. „Denn dort sind unsere Feinde versammelt. Von 28 Mitgliedstaaten der EU haben 23 die Unabhängigkeit des Kosovos anerkannt.“ Serbien müsse sich entscheiden: „Wollen wir in den Westen oder in den Osten? Im Westen sind jene, die uns mehrfach bombardiert, getötet und einen Genozid an unserem Volk verübt haben. Aber im Osten sind jene, die uns durch die Geschichte hindurch nur geholfen, uns unterstützt und ihr Blut für unsere Freiheit vergossen haben.“ Daher strebe die SRS „die engstmögliche Integration mit Russland und ihren Verbündeten, Weißrussland, Kasachstan und den anderen, an. Hier verebbte der Beifall freilich, denn „Kasachstan“ ist kein Reizwort, das serbische Slawophile zu Begeisterungsstürmen verleitet.

          Es sei nicht genug, Wladimir Putin mit einer feierlichen Militärparade in Belgrad zu empfangen, wie unlängst geschehen, schimpfte Šešelj. Die russische Diplomatie sei nicht so naiv, dass sie sich vom äußeren Glanz blenden ließe. Die SRS werde in den kommenden Monaten ihre neue Wirtschaftspolitik formulieren, um die Regierung mit wirtschaftlichen, sozialen und nationalen Argumenten zu schlagen, verkündete Šešelj zum Abschluss und sagte siegesgewiss: „Sie sagen, ich sei nach Belgrad gekommen und habe kein langes Leben mehr. Aber ich habe sehr viel stärkere Gegner besiegt als diese zwei kleinen Metastasen auf der Leber.“

          Tausende Nationalisten feierten seinen Auftritt. Aber werden sie Šešelj auch wählen, wenn es ernsthaft darauf ankommt, sich zwischen der EU und Russland zu entscheiden? Einstweilen hat Šešelj andere Aufgaben: Die einst mächtige SRS verpasste bei der Parlamentswahl 2012 den Einzug in das serbische Parlament. Mit Šešelj an der Spitze könnte sie wieder erstarken – sofern ihr Idol die beiden Metastasen Nikolić und Vučić besiegen kann.

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