https://www.faz.net/-gpf-7weoe

Serbien : Putin, Milch und Honig

Als Hetzer ist er in seinem Element

Als begnadeter Demagoge weiß Šešelj, wie er seinen einstigen Paladinen am besten zusetzen kann. „Ich werde mich nicht stellen“, sagte er auf einer Pressekonferenz am Wochenende zu der Forderung des in Serbien verhassten Kriegsverbrechertribunals, sich zur Urteilsverkündung wieder nach Den Haag zu begeben. „Und wenn sie dann der Regierung der Republik Serbien einen Befehl geben, werden Tomislav Nikolić und Aleksandar Vučić entscheiden, was sie mit dem Befehl machen. Ich werde nirgendwohin flüchten. Wenn Tomislav Nikolić und Aleksandar Vučić entscheiden, mich zu verhaften, dann können sie mich verhaften.“ Das wäre, merkte Šešelj genüsslich an, „ein historisches Paradox, vielleicht in gewisser Weise auch eine historische Wahrheit: Jene, die meine engsten Mitarbeiter waren und meine direktesten Mittäter bei all meinen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Tomislav Nikolić und Aleksandar Vučić, liefern mich an das Haager Tribunal aus.“

Die Pointe saß. Dass Šešelj freimütig von seiner Krankheit erzählte und berichtete, er habe den zwei Metastasen, die seine Ärzte bei ihm entdeckt haben, die Namen Nikolić und Vučić gegeben, verbreitete sich in Serbien ebenfalls in Windeseile über die sozialen Medien. Auch als Hetzer war Šešelj wieder ganz in seinem Element. Einst hatte er einen politischen Konkurrenten von seinen Leibwächtern krankenhausreif schlagen lassen und später lächelnd verkündet, sein Widersacher sei leider auf einer Bananenschale ausgerutscht und obendrein eine Treppe heruntergefallen. Nun sagt er mit sicherem Gespür für die rhetorische Entgleisung über das Attentat auf den serbischen Ministerpräsidenten und Reformer Zoran Djindjić, der 2003 kurz nach Šešeljs Abreise nach Den Haag in Belgrad erschossen wurde: „Ich habe mich damals gefreut, und ich habe auch nicht die Absicht, das zu verheimlichen. Ich bin auf diese Freude sogar stolz, denn das serbische Volk hat sich damals von einem großen Verräter befreit.“

„Schurkenpapst Benedikt“

So etwas kennt man von Šešelj, der seine Haager Haftjahre nutzte, um Bücher zu schreiben wie das mehr als 1000 Seiten umfassende Werk „Das verbrecherische römisch-katholische Projekt der künstlichen kroatischen Nation“, gewidmet „serbischen Helden, die ihre Leben dem Altar von Vaterland und Serbentum darbrachten“. Im Haag entstand auch Šešeljs autobiographisch gefärbte Schrift „In den Klauen der Nutte Del Ponte“. Richter des Kriegsverbrechertribunals bezeichnete er unter Anspielung auf ihr Herkunftsland oder mutmaßliche sexuelle Orientierungen als „perfide maltesische Ratte“, „lügende Schwuchtel“ oder „niederländischen Hurensohn“. Besonders tat er sich aber durch „Biographien“ und „Charakterstudien“ europäischer Politiker hervor, so in seinen Büchern „Das englische Schwuchtelarschloch Tony Blair“, „Der perfide gallische Schwanz Jacques Chirac“ oder „Roms Schurkenpapst Benedikt der XVI.“.

All das ließe sich als Zeitvertreib eines an Graphomanie leidenden Primitivlings abtun, aber Šešelj hat durchaus erkannt, wo er die jetzige Regierung wirksam angreifen kann: Um Serbien vor dem Staatsbankrott zu bewahren, hat Ministerpräsident Vučić Renten und Beamtenbezüge unlängst radikal kürzen lassen. Serbien hat zwar Beitrittsverhandlungen mit der EU begonnen, aber die Arbeitslosigkeit steigt, die Reallöhne sinken. Šešelj dagegen lockt mit Putin, Milch und Honig: „Von Versprechen kann man nicht länger leben. Wir brauchen eine vollkommen neue Wirtschaftspolitik. Warum kommen wir nicht aus der Krise? Weil unsere Grenzen weit geöffnet sind für alle Waren aus dem Westen. Das erwürgt die einheimische Produktion“, sagte er auf der Großkundgebung in Belgrad, die er am Samstag inszenierte.

Weitere Themen

Topmeldungen

Trump will G7 zu G11 erweitern : Eine neue Allianz gegen China?

Russland reagiert zurückhaltend auf Trumps Vorstoß, die G7 zu erweitern. Australien, Indien und Südkorea zeigen sich offener – ohne Amerika wären sie Vasallenstaaten Chinas, warnt ein früherer Außenminister.

Livestream : Crew Dragon beginnt Andock-Anflug auf ISS

Der Start der ersten bemannten Weltraummission von amerikanischem Grund verlief beim zweiten Versuch erfolgreich. Nach 19 Stunden Flugzeit sollen die beiden Astronauten an der Internationalen Raumstation (ISS) andocken. Verfolgen Sie die Landung im Livestream.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.