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Dürre in Somalia : Nicht nur „La Niña“ ist schuld

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Dürre am Horn von Afrika: Somalische Flüchltinge im Dolo Ado Camp in Äthiopien Bild: dpa

Das Horn von Afrika erlebt die schlimmste Trockenheit seit mehr als 60 Jahren. Millionen Menschen bangen um ihre Lebensgrundlage. Das liegt zum einen an der Dürre, zum anderen an politischen Entscheidungen.

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          Eine ungewöhnlich lange Trockenperiode gepaart mit bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen insbesondere in Somalia bedroht nach Angaben der Vereinten Nationen die Lebensgrundlage von bis zu zwölf Millionen Menschen am Horn von Afrika. Zwar spricht noch niemand von einer Hungerkatastrophe; gleichwohl sind die Lebensmittel schon so knapp, dass eine solche zumindest in einigen Regionen bald auftreten könnte.

          Das Horn von Afrika erlebt die schlimmste Trockenheit seit mehr als 60 Jahren. Die üblicherweise üppigen Niederschläge in der „großen Regenzeit“ von Oktober bis Dezember sind seit zwei Jahren ausgeblieben und die Niederschläge in der „kleinen Regenzeit“ von März bis Mai waren in diesem Jahr spärlich. Bis September wird nicht mit einer Entspannung der Situation gerechnet. Verantwortlich dafür ist das Wetterphänomen „La Niña“ (spanisch für „das Mädchen“), das meist im Anschluss an ein „El Niño“-Ereignis auftritt. Es ist sozusagen dessen Gegenteil und sorgt für eine Abkühlung des Wassers des Pazifischen Ozeans. Die Folge sind höhere Temperaturen an der afrikanischen Ostküste und ausbleibende Regenfälle.

          Für Hilfsorganisationen nicht mehr zugänglich

          Besonders betroffen von der Dürre sind Viehzüchter, die mit ihren Tieren auch ihre Lebensgrundlage verlieren. In manchen Regionen Somalias sollen inzwischen bis zu 80 Prozent der Kamel- und Rinderherden verdurstet sein. Das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) schätzt, dass in dem Land 2,9 Millionen Menschen und damit ein Drittel der geschätzten Gesamtbevölkerung inzwischen auf Lebensmittellieferungen angewiesen sind. In Äthiopien sollen es 4,5 Millionen, im Norden Kenias rund 3,5 Millionen Menschen sein.

          Dramatisch ist die Situation insbesondere in Somalia, wo die radikale islamistische Miliz Al Shabab seit Jahren gegen die international anerkannte, aber weitgehend machtlose somalische Übergangsregierung kämpft. Weite Teile des Landes sind für Hilfsorganisationen nicht mehr zugänglich, weil deren Arbeit von den Radikalen für „unislamisch“ erachtet wird. Angesichts der Dramatik der Lage hob Al Shabab vor wenigen Tagen allerdings ihren Bann gegen westliche Hilfsorganisationen auf und will wieder Lebensmittel ins Land lassen.

          Der Krieg und die Trockenheit haben dafür gesorgt, dass sich die Preise für Grundnahrungsmittel etwa in der Hauptstadt Mogadischu in den vergangenen Wochen vervierfacht haben. Etliche Hilfsorganisationen wie das Welternährungsprogramm der UN kündigten an, ihre Arbeit in den von den Islamisten kontrollierten Teilen Somalias wieder aufzunehmen. In der Vergangenheit bestand diese „Zusammenarbeit“ häufig darin, dass mehr als 50 Prozent der Hilfe von den Islamisten für die eigenen Truppen beschlagnahmt wurden.

          Nicht nur dem Wetter geschuldet

          Die vorläufige Konsequenz der anhaltenden Trockenheit ist eine regelrechte Massenflucht in die benachbarten Länder Kenia und Äthiopien. Seit Anfang Juli sollen mehr als 11.000 Menschen aus Somalia geflohen sein. Das größte Flüchtlingslager der Welt, Dadaab im Osten Kenias, das einst für 90.000 Flüchtlinge eingerichtet wurde, die vor dem Bürgerkrieg in Somalia geflohen waren, beherbergt inzwischen knapp 400.000 Menschen. Das UNHCR wird eigenen Angaben zufolge dem Strom der Flüchtlinge nicht mehr Herr und ruft nach 1,6 Milliarden Dollar Soforthilfe.

          In Äthiopien wiederum scheint die drohende Katastrophe hingegen nicht nur dem Wetter geschuldet zu sein, sondern auch dem Bestreben der äthiopischen Regierung, Landwirtschaft im industriellen Maßstab anzusiedeln. Große Flächen, die ursprünglich als Ausweichflächen für die Viehherden der Nomaden dienten, sind inzwischen an indische, chinesische und südkoreanische Agrarkonzerne verpachtet worden. Die äthiopische Regierung setzt eigenen Angaben zufolge lieber auf moderne Industrie als auf pastorale Tradition.

          Kenianische Regierung streitet über Flüchtlinge

          In der kenianischen Regierung ist ein offener Streit um den weiteren Umgang mit den zahlreichen Flüchtlingen aus Somalia ausgebrochen. Insbesondere der Innenminister als auch hohe Polizeioffiziere wehren sich gegen die Eröffnung eines zweiten, bereits fertig gestellten Flüchtlingslagers im Westen des Landes, weil sie nicht noch mehr Somalier ermutigen wollen, nach Kenia zu kommen.

          Der Minister für Einwanderung indes, Otieno Kajwang, sagte, er „schäme“ sich, dass Kenia keine größeren Anstrengungen unternehme, die Flüchtlinge aus dem Nachbarland zu beherbergen, zumal die Errichtung des umstrittenen Ausweichlagers von den Vereinten Nationen bezahlt worden sei.

          Hinter der Weigerung der Sicherheitskräfte allerdings steckt die Sorge, dass Kämpfer der Miliz Al Shabad als Flüchtlinge nach Kenia einsickern. Sowohl in Uganda als auch in Kenia hat es in der Vergangenheit Bombenanschläge gegeben, die mutmaßlich von somalischen Extremisten begangen wurden.

          Das größte Flüchtlingslager der Welt, Daraad in Ostkenia, ist längst zu einem Rekrutierungslager für Al Shabad geworden, in dem sich die kenianische Polizei schwertut, Ordnung zu halten. In dem ursprünglich für 90.000 Menschen ausgelegten Lager drängen sich inzwischen knapp 400.000 Flüchtlingen. Angesichts der dramatischen Dürre in weiten Teilen Somalias strömen gegenwärtig jede Woche mehrere Tausend Menschen nach Kenia. (tos.)

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