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Dürre in Äthiopien : „Die Menschen haben keine Reserven mehr“

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Welthungerhilfe-Generalsekretär Wahnbaeck in Äthiopien: Wege von über fünf Stunden müssen Menschen in Kauf nehmen, um Wasser zu finden. Bild: Jens Grossmann

Äthiopien galt einst als Wirtschaftswunderland Afrikas, jetzt wird es wieder vom Hunger heimgesucht – und das extremer als je zuvor. Till Wahnbaeck von der Welthungerhilfe erklärt im FAZ.NET-Interview, warum das Hauptproblem nicht die Dürre ist.

          Herr Wahnbaeck, die Dürre in Äthiopien gilt als die schlimmste seit dreißig Jahren. Sie haben das Land am Horn von Afrika besucht. 

          Die Zustände sind katastrophal. Mehr als zehn Millionen Menschen drohen zu verhungern, allein in diesem Jahr starben Hunderte an Mangelernährung. In vielerlei Hinsicht ist die Dürre heute noch deutlich schlimmer als in den achtziger Jahren.

          Worin liegt der Unterschied zur Hungerkrise von 1984?

          Die Dürre damals war schwer, das Leid entsetzlich: Fast eine Million Äthiopier starben an den Folgen der Trockenheit. Doch in den Jahren danach konnte sich Äthiopien erholen. Die Krise war einmalig. Heute hingegen hat es die Bevölkerung mit einer ständigen Abfolge immer schwerer werdenden Trockenperioden zu tun. Weil es keine Pausen mehr zwischen den Krisen gibt, multipliziert sich das Leid im Land – die Menschen verlieren ihre Widerstandskraft und sind letztlich gegen den Hunger machtlos.

          Dabei hat Äthiopien im vergangenen Jahrzehnt eine gewaltige Entwicklung hingelegt,  die Wirtschaft ist im zweistelligen Bereich gewachsen.

          Der wirtschaftliche Aufschwung hat das Land gewiss einen Schritt nach vorne gebracht, vor allem seine Großstädte. Doch profitieren nicht alle Äthiopier davon: nach wie vor leben Millionen am Existenzminimum. Trotz des Wirtschaftswachstums ist Äthiopien ein extrem ernährungsunsicheres Land, das auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen ist.

          Die Bilder der großen Dürre haben sich in die Köpfe der Welt eingebrannt: Hungerbäuche, Gerippe, Tod. Hat das Land nicht ausreichend aus der Katastrophe von damals gelernt?

          Und ob: Die Krise von 1984 hat zu einem radikalen Umdenken geführt. Äthiopiens Regierung unternimmt seitdem immer mehr Schritte, um die Situation im Land zu verbessern. Neben einem gut funktionierenden Hunger-Frühwarnsystem hat der Staat ein Verfahren entwickelt, das die Armen seit zehn Jahren vor dem Verhungern bewahrt: Außerhalb der Erntezeit werden sechs Millionen Äthiopier für Arbeiten im öffentlichen Bereich eingesetzt. Anstelle von Geld bekommen sie Nahrungsmittel. Und um der derzeitigen Dürreperiode zu trotzen, hat das Land rechtzeitig Getreidelage gefüllt. Wir wussten, was auf Äthiopien zukommt. Und die Regierung wusste das auch.

          Dr. Till Wahnbaeck (links) ist seit Mai 2015 Generalsekretär und Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe.

          Warum hungert die Bevölkerung nun trotzdem schlimmer denn je? Äthiopien erfüllt offenbar alle Voraussetzungen, den Hunger zu besiegen.

          Durch ihre entwicklungsorientierte Politik ist es der Regierung gelungen, das Schlimmste zu vermeiden. Das Land hat vieles richtig gemacht. Eine Dürre dieses Ausmaßes hätte vor zehn oder zwanzig Jahren zu noch viel grausamerem Leid geführt. Aufgrund der Extreme der Krise stoßen jedoch die Vorsorgeprogramme an ihre Grenzen: Die Vorräte der Menschen sind leer, die Gelder aufgebraucht. Doch die Dürre ist nicht das Hauptproblem der Äthiopier.

          Wenn nicht die Dürre, was dann?

          Das Leid Äthiopiens gerät in Vergessenheit. Anders als die Flüchtlingskrise betrifft es den Westen nicht so direkt – versteckten Hunger sieht man nicht. Dabei sind es die Industrieländer selbst, die für den Klimawandel – und damit für die Dürre – mitverantwortlich sind: Verstärkt durch die Erderwärmung wütet der El Niño schlimmer wie nie. Zwei Jahre lang fiel kein einziger Tropfen Regen in Äthiopien. Deswegen verdorren die Ernten. Und deswegen droht Menschen und Tieren der Hungertod.

          Äthiopien ist also auf die Hilfe des Westens angewiesen.

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