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Islamisten-Nachwuchs : Der faule Frieden von Paris

„Das soziale und wirtschaftliche Umfeld spielte nur eine geringe Rolle“, sagt er, „die beiden waren eher verlorene Kinder der Republik, die sich wie von einem Guru in eine Sekte einspannen ließen.“ Das trifft auch auf andere französische Terroristen zu. Mohamed Merah, Mehdi Nemmouche, Coulibaly und die Kouachi-Brüder kamen aus zerrütteten Familien mit Einwanderungshintergrund und glitten über die Kriminalität und Haftaufenthalte in den islamistischen Fanatismus ab.

Blanke Trostlosigkeit: Häuser in Grigny.
Blanke Trostlosigkeit: Häuser in Grigny. : Bild: Michael von Aulock

Die Spur der Terroristen führt nicht nur in die Tristesse der Banlieue, sondern auch ins 19. Arrondissement von Paris. Die Brüder Kouachi gingen hier zur Schule und kehrten nach einem Heimaufenthalt als junge Erwachsene zurück. Chérif verdiente sein Geld als Pizza-Auslieferer, sein Bruder Saïd warb im Auftrag der Stadtverwaltung für Mülltrennung. Schon bald gerieten die Brüder hier in den Bann des kaum älteren, charismatischen Farid Benyettou, der Kämpfer für den Dschihad im Irak rekrutierte.

Im Park „Buttes-Chaumont“, einer Grünanlage mit verspielter Landschaftsarchitektur, bereiteten sie sich sportlich auf ihren „Einsatz“ vor. Die Ermittler sprachen später von der „Gruppe von Buttes-Chaumont“. Als ihr Anführer Benyettou aus der Adda’wa-Moschee verwiesen wurde, indoktrinierte er sie von seiner Wohnung aus.

Anwohner haben Angst vor „Islamisierung“ ihres Viertels

Das 19. Arrondissement mit seinen etwa 190.000 Einwohnern versteht sich als multikultureller Stadtbezirk. Die größte sowie die älteste jüdische Schule Europas sind hier beheimatet – und eine große muslimische Gemeinde. Jahrzehntelang trafen sich die Muslime in der Moschee Adda’wa („Die Einladung“) an der Rue Tanger, die in einer ehemaligen Lagerhalle viertausend Gläubige versammeln konnte. Die Moschee ist 2006 abgerissen worden. Danach gab es Streit über Spendengelder und Baugenehmigungen, der Neubau lässt deshalb bis heute auf sich warten; übergangsweise beten die Muslime in einem Bau neben einem Parkhaus.

Anders als in den Vorstädten außerhalb des Stadtautobahnringes um Paris stand das 19. Arrondissement lange Zeit für das friedliche Zusammenleben der Religionen und Ethnien. An der Porte de la Villette etwa reihen sich Geschäfte mit koscheren Lebensmitteln und „Halal“-Metzgereien aneinander. Die Terroranschläge aber haben die Bewohner aufgewühlt. Die 68 Jahre alte Veronique zum Beispiel, die ihren echten Namen „aus Sicherheitsgründen“ nicht in der Zeitung sehen will, wettert in einem Internetblog gegen die „Islamisierung“ ihres Viertels.

Sie ist eine freundliche Dame, die im fünften Stock mit ihrem Hund in einer kleinen Wohnung an jenem berüchtigten Park „Buttes-Chaumont“ lebt. Gerne würde sie bei einer Art französischer Pegida-Bewegung mitmachen. Vor den Anschlägen habe sie täglich 600 Klicks verzeichnet, seither seien es fünfmal so viel. „Früher war ich links, heute bin ich weiterhin Feministin, doch nicht mehr links. Ich gehöre aber auch nicht zum Front National“, sagt sie. Ihre Kinder verorten sie dennoch am rechten Rand. „Die sind Bobos“, winkt sie ab – urbane Linkswähler, die niemals Muslime kritisieren wollten.

„Der Staat hat sich doch schon überall zurückgezogen“

Handwerker Jacques Galamidi glaubt, dass die Muslime schon heute sein Viertel beherrschen. Der jüdische Einwanderer kam als Kind von Tunesien nach Frankreich. „Man darf gar nichts mehr offen sagen; sonst gibt es Ärger. Keiner geht mehr mit der Kippa raus.“ Der 68 Jahre alte Franzose, der in der Rue de Crimée einen Drei-Mann-Betrieb führt, kann sich vorstellen, so wie andere französische Juden eines Tages nach Israel auszuwandern.

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