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Druck auf Joe Biden steigt : Der Hunger lässt sie fliehen

„Lassen Sie uns rein“: Migranten aus Zentralamerika warten in Mexiko, um in die Vereinigten Staaten weiterzuziehen. Bild: Reuters

In Zentralamerika hat sich die Zahl der Hungernden mehr als verdreifacht. Das hat auch mit dem Klimawandel zu tun. Viele wollen nur noch weg – und zwar in die Vereinigten Staaten. Zum Schaden für Biden, zum Nutzen für Trump?

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          Schon vor seinem virtuellen Treffen mit Joe Biden am Montag hatte Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador sein Argument für eine Lockerung der Einwanderungspolitik durchblicken lassen. Die Vereinigten Staaten, sagte er, brauchten mexikanische und zentralamerikanische Arbeiter, um zu wachsen. Die Migration müsse also geordnet und legalisiert werden, damit die Arbeitskräfte auf ihrem Weg in die Vereinigten Staaten nicht ihr Leben riskierten. Derzeit warten Zehntausende Migranten auf der mexikanischen Seite der Grenze, Abertausende dürften in diesem Jahr noch dazustoßen – nicht nur, weil sie sich nach dem Regierungswechsel in Washington eine leichtere Einreise erhoffen.

          Tjerk Brühwiller

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          López Obrador spricht zwar von Arbeitskräften. Doch die Motive, die jedes Jahr Hunderttausende Honduraner, Salvadorianer und Guatemalteken auf die gefährliche Reise nach Norden treiben, gehen über die wirtschaftliche Aussichtslosigkeit und die anhaltende Gewalt hinaus. Zentralamerika steht am Rande einer humanitären Krise. Die Bevölkerung leidet nicht nur unter den Auswirkungen der Pandemie, sondern spürt auch die Folgen, die mehrere Tropenstürme im vergangenen Jahr hinterlassen haben. Sie zerstörten ganze Landstriche – und damit auch die Lebensgrundlage Hunderttausender Familien. Millionen von Menschen seien auf „dringende Nahrungsmittelhilfe“ angewiesen, sagt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP). Es schätzt, dass die Zahl der Menschen, die akut unter Hunger leiden, in Zentralamerika von 2,2 Millionen im Jahr 2018 auf nun 7,9 Millionen gestiegen ist. Allein in Guatemala hat sich die Zahl der Familien, die während der Pandemie nicht genug zu essen hatten, fast verdoppelt.

          Schon im Jahr 2018 harrten viele honduranische Migranten in Mexiko aus, wie hier auf einem Basketballfeld in San Pedro.
          Schon im Jahr 2018 harrten viele honduranische Migranten in Mexiko aus, wie hier auf einem Basketballfeld in San Pedro. : Bild: AFP

          Besonders alarmierend ist die Situation im „trockenen Korridor“, einem etwa 1600 Kilometer langen und 100 bis 400 Kilometer breiten Landstrich, der sich parallel zur Pazifikküste von Südmexiko bis Costa Rica erstreckt und in dem ein Großteil der Bevölkerung Zentralamerikas lebt. Die Region war in den vergangenen Jahren besonders stark vom Klimawandel betroffen, Dürren setzten den Menschen zu. In einigen Gegenden gibt die Landwirtschaft kaum noch etwas her.

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          Die Verschärfung der Krise wird die Zahl der Migranten aus Zentralamerika in diesem Jahr stark nach oben treiben. Die Zahl der Bürger in El Salvador, Honduras und Guatemala, die konkrete Auswanderungspläne haben, ist von acht Prozent im Jahr 2018 auf aktuell 15 Prozent gestiegen, zeigen Erhebungen des WFP.

          Die von Washington und Mexiko angestrebte Erleichterung der Migration dürfte viele Zentralamerikaner motivieren, ihre Pläne umzusetzen – wohl mehr, als für die von López Obrador verheißene „Initialzündung“ der nordamerikanischen Wirtschaft nötig sind. Für Joe Biden könnte das zum Problem werden; denn Donald Trump versucht das Thema schon jetzt für seine Zwecke auszunutzen.

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