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Drogenkrieg in Mexiko : Vor der Kapitulation

  • -Aktualisiert am

Normalität im Norden Mexikos: Polizisten sichern einen Tatort in Michoacán... Bild: REUTERS

Der mexikanische Staat ist nicht in der Lage, den selbst erklärten Krieg gegen die Drogenbanden zu gewinnen - im Gegenteil. Es sieht danach aus, als könne nur die Rückkehr zur staatlich „verwalteten“ Kriminalität die Ordnung wiederherstellen.

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          Am 14. Dezember 2009 hat Javier seine Tochter letztmals gesehen. Die zwanzig Jahre alte Alejandra verließ damals die Wohnung in Guadalupe, einem Vorort der nordmexikanischen Millionenstadt Monterrey, ohne zu sagen, wohin sie gehe. „Sie war ein freiheitsliebendes Mädchen, immer auf Achse“, sagt Javier. Am folgenden Tag rief sie von einer Ranch in der Nähe des Städtchens Fresnillo aus eine Freundin an und erzählte dieser angsterfüllt von einer Schießerei. Erst am 27. März wurde das Auto, in dem Alejandra mit zwei Freundinnen unterwegs war, in der Nähe der Stadt Monclova leer gefunden. Danach verliert sich jede Spur.

          Alejandra ist eines jener Opfer, die in keiner Statistik des „Drogenkriegs“ auftauchen. Den Behörden und Medien fällt es schon schwer genug, eine einigermaßen genaue Zahl der Toten anzugeben. Die Schätzungen darüber, wie viele Menschen seit Dezember 2006, als der neugewählte Präsident Felipe Calderón den Drogenkartellen den „Krieg“ erklärte, gewaltsam das Leben verloren haben, schwanken zwischen 18.000 und 22.000. Noch am Montag wurden bei Kämpfen rivalisierender Gangs in einem Gefängnis im Nordwesten Mexikos mindestens 28 Häftlinge getötet, von denen die meisten der Drogenbande der „Zetas“ angehört haben sollen, die gegen das mächtige Sinaloa-Kartell kämpft.

          Drogenschmuggel, Menschenhandel, Prostitution, Erpressung

          Javier vermutet, dass die Zetas auch seine Tochter entführt haben. Die Bande geht auf eine Eliteeinheit der Armee zurück, die Ende der neunziger Jahre von amerikanischen Agenten für die Bekämpfung der Drogenkartelle ausgebildet wurde. Weil das Golf-Kartell besser zahlte, wechselten die Soldaten wenig später die Seiten und wurden zu den am meisten gefürchteten Berufsmördern Mexikos. Und seit sie entdeckt haben, dass Arbeit auf eigene Rechnung noch lukrativer ist, schmuggeln die Zetas selbst Drogen. Darüber hinaus betreiben sie Menschenhandel, Prostitution, Schutz- und Lösegelderpressung.

          ...wo vermutlich Drogenhändler das Feuer auf einen Polizeikonvoi eröffnet hatten
          ...wo vermutlich Drogenhändler das Feuer auf einen Polizeikonvoi eröffnet hatten : Bild: REUTERS

          Was als „Drogenkrieg“ anfing, hat sich zu einer Konfrontation zwischen dem Staat und einem halben Dutzend Organisationen ausgeweitet, in der es nicht nur um die Kontrolle über Schmuggelrouten, sondern auch um die Frage geht, wer wo das Sagen hat. Für Javier steht außer Frage, dass dies in großen Teilen des mexikanischen Nordostens die Zetas sind. „Mein Bruder ist Polizist. Er hat mir gesagt, dass die Zetas auf einer Ranch in Galeana, im Süden von Monterrey, entführte Personen festhalten. Aber er hat mir auch gesagt, dass ich nicht zurückkehren würde, sollte ich Alejandra dort suchen gehen.“

          Von den Behörden ist keine Hilfe zu erwarten

          Hunderte Kilometer hat Javier in seinem Cherokee zurückgelegt. Er sprach in Fresnillo, Monclova und Saltillo mit den Ermittlungsbehörden, um bald den Eindruck zu erhalten, dass diesen das Schicksal Alejandras ziemlich egal war. „Entweder sind sie von den Zetas gekauft oder haben Angst vor ihnen“, vermutet Javier, der als Hausangestellter eines pensionierten Spitzenbeamten arbeitet. Dass von den Behörden keine nennenswerte Hilfe zu erwarten ist, legen wissenschaftliche Studien nahe, nach denen in Mexiko höchstens jedes zwanzigste Delikt für den Täter strafrechtliche Folgen hat. In den restlichen Fällen bleibt er unbehelligt.

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