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Drogenhandel in Brasilien : Friede den Favelas

  • -Aktualisiert am
Schwebende Pendler: Seit es die Seilbahn gibt, können viel mehr Bewohner der Favela einer geregelten Arbeit nachgehen.
          6 Min.

          Kindergeschrei, Radiomusik und Hundegebell dringen aus der Tiefe herauf. Der Blick schweift über eine schier unendliche Häusermasse, die die Hügel fast vollständig umkleidet und sich von allen Seiten in die Ebene ergießt. Mit sanftem Surren gleitet die Seilbahnkabine über den Complexo do Alemão („Bereich des Deutschen“) im Norden von Rio de Janeiro. Vor zwei Jahren noch wäre es ein gefährlicher Ritt gewesen. Das Favela-Sammelsurium, nach einem polnischen Siedler benannt, der für einen Deutschen gehalten wurde, galt als Zentrum des Drogenhandels und als eine der gefährlichsten Zonen der Stadt. Im November 2010 besetzten Militär- und Polizeieinheiten „Alemão“. Drogenbosse und andere Schwerkriminelle, die dem Viertel jahrzehntelang ihre Gesetze aufgezwungen hatten, flohen. Einige wurden gefasst.

          Die Seilbahn, die sechs der zwölf Favelas durchquert und sie miteinander verbindet, ist das sichtbarste Zeichen dafür, dass sich die Sicherheit in dem Labyrinth der Armensiedlungen verbessert hat. Mehr als hundert Millionen Euro hat sie gekostet. Das Projekt sei eine Auszeichnung für die Bevölkerung, „die so viel erlitten hat“ und nicht mehr kriminalisiert werden dürfe, sagte Präsidentin Dilma Rousseff bei der Eröffnung im vorigen Juli auf der Station „Adeus“. Schon die Wirtschaftspolitik ihres Vorgängers Luiz Inácio Lula da Silva, an der sie sich orientiert, brachte vielen Favelabewohnern reguläre Arbeitsplätze. Doch die meisten Jobs sind irgendwo draußen. Nun bringt sie die Seilbahn in das benachbarte Viertel Bonsucesso, wo es Anschluss ans Schnellbahnsystem gibt. Jetzt sind die Favelabewohner Pendler. Inzwischen ist die Seilbahn auch schon zu einer Touristenattraktion geworden, einem sicheren und zudem billigen Vergnügen. Die Fahrt von Bonsucesso zur Endstation Palmeiras kostet einen Real, etwas mehr als 40 Euro-Cent.

          Schutt und Schrott und bunte Hauswände

          Auf der 15 Minuten dauernden Fahrt über die sechs Stationen gehen die Favelas des Complexo do Alemão nahtlos ineinander über. Unter der Gondel wechseln sich wilde Ansiedlung und organisierte Urbanisierung ab. Siedlungen, in denen Verfall und Verwahrlosung vorherrschen, in denen Palmen aus Ruinen wachsen, sich Schutt und Schrott auf den Dächern sammeln, münden in propere Viertel, in denen die Hauswände bunt angemalt sind. Vom Endpunkt Palmeiras aus bietet eine Terrasse einen phantastischen Ausblick über die nördlichen Teile von Rio de Janeiro. Hier ist auch ein Posten der militarisierten Polizei stationiert. Doch in der Nachmittagshitze haben sich die Einsatzkräfte der „Befriedungspolizei“ (UPP) in das Innere ihrer vier Fahrzeuge mit der Aufschrift „Choque“, Kampfeinsatz, zurückgezogen. Es gibt für sie nicht viel zu tun. Die Seilbahnkabinen scheinen ihre Passagiere mitten in einem Erholungsgebiet abzusetzen.

          Die UPP sind das Herzstück der neuen Sicherheitspolitik. In 19 Favelas von Rio haben solche Polizeieinheiten Posten bezogen. Ziel ist es, 45 Posten einzurichten, die für mehr als 160 Favelas zuständig sein sollen. Im Sekretariat für Sicherheit des Bundesstaats Rio de Janeiro erklärt Alexandre de Souza, Oberst der militarisierten Polizei, mit vielen Zahlen den Rückgang der Kriminalität in den bereits besetzten Favelas. Er zeigt Fotos glücklicher Favelabewohner, die die Anwesenheit der Polizisten begrüßen. Und er sagt, dass laut Umfragen 93 Prozent der Bewohner befriedeter Favelas mit dem Polizeieinsatz zufrieden seien.

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