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Drogenhandel in Brasilien : Friede den Favelas

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Plötzlich sind Schüsse und Schreie zu vernehmen. Früher seien die Sicherheitskräfte überraschend und mit großem Getöse in die Favelas vorgedrungen, kommentiert Oberst Alexandre die Filmszenen einer Operation in einer Favela. Militärs und Polizisten liefern sich mit Drogenbossen und anderen Kriminellen Gefechte. Es gab bei solchen Einsätzen oft viele Tote und Verletzte auf beiden Seiten, auch Unbeteiligte kamen ums Leben. Nach einiger Zeit zog sich die Polizei zurück, und die Banden wandten sich wieder ihren üblen Geschäften zu.

Den Drogenhandel unterbinden? Eine Illusion

„Jetzt gehen wir nach dem Prinzip der angekündigten Besetzung vor“, sagt Oberst Alexandre. „Wir geben vorher genau den Zeitpunkt bekannt, wann wir in diese oder jene Favela einrücken werden. Und wir bleiben dort.“ So geschah es in der Rocinha im Süden Rios, sie wurde im November vergangenen Jahres kampflos okkupiert. Mit ihrer neuen Strategie nehmen die Sicherheitskräfte in Kauf, dass sich die Bandenbosse absetzen. In weiterem Umkreis postierte Polizeieinheiten versuchen aber, sie aufzugreifen. Auf diese Weise sind einige Drogen-Capos der Rocinha festgenommen worden, darunter Antônio Francisco Bonfim Lopes alias „Nem“ (Niemand). Ihn fasste die Polizei gleich zu Beginn der Operation.

José Mariano Beltrame, Leiter der Sicherheitsbehörde und einer der Väter des Favela-Befriedungskonzepts, demonstriert zwar Zuversicht, gibt sich aber auch nicht der Illusion hin, den gesamten Drogenhandel in den Armensiedlungen von Rio unterbinden zu können. „Drogenhandel und Drogenabhängigkeit sind Realitäten“, sagte er unlängst lapidar. In manchen nicht von der Polizei besetzten Favelas beklagen sich die Bewohner, dass die Kriminalität eher zugenommen habe, weil Bandenführer und Dealer aus „befriedeten“ Vierteln dorthin flüchteten.

Die Rocinha war für den Drogenhandel noch lukrativer als der Complexo do Alemão. Der Bandenboss „Nem“ hat ausgesagt, dass die Rauschgiftgeschäfte in der Rocinha monatlich eine Million Real, etwa 420.000 Euro, eingebracht haben. Die Siedlung ist leichter zugänglich als der „Alemão“. Raubzüge in die benachbarten wohlhabenden Viertel an den Stränden sind ein Kinderspiel.

Seit fast 20 Jahren gilt die Rocinha nicht mehr nur als Favela, sondern als Stadtteil von Rio. Die Urbanisierung hat den Rauschgiftbanden jedoch nicht Einhalt geboten. Die Säuberung der Siedlung auch von der Drogenkriminalität hat für die staatlichen Sicherheitskräfte Priorität, denn in der Nähe entstehen die Sportstätten für die Olympischen Spiele 2016. Doch die Besetzung der Rocinha und die Festnahme von „Nem“ haben die Siedlung noch nicht aus den Klauen der Banden befreit. Wenige Tage vor Ostern wurde bei einem nächtlichen Patrouillenrundgang ein Polizist erschossen. Bei Kämpfen zwischen den Überbleibseln zweier Banden waren kurz zuvor drei Personen getötet worden.

Verdopplung der Polizeipräsenz

In der Rocinha ist noch keine „UPP“ etabliert. Die Befriedung steckt in der ersten Phase fest. Um das Polizeikontingent rasch zu erhöhen, hat sich die militarisierte Polizei jetzt etwas einfallen lassen: Alle ihre Rekruten müssen ein „Praktikum“ in der Rocinha durchlaufen, was auf einen Schlag eine Verdopplung der Polizeipräsenz auf 700 Mann bedeutet. In diesem Jahr sollen 4000 Polizeikräfte speziell für den Dienst in den Favelas von Rio ausgebildet werden.

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