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Drei Tage Gefangenschaft in Kongo : Freiwillig will ich meinen Sarg nicht besteigen

  • -Aktualisiert am

Es vergehen weitere Stunden banger Hoffnung. Gegen Abend sagen uns die Anführer der neuen Maï-Maï-Gruppe, dass wir nicht nach Kinyandonyi marschieren, sondern „zu unserer eigenen Sicherheit“ eine weitere Nacht in der Hütte am Fuß der Virunga-Berge verbringen werden. Ich sage nein. Die Bewacher nehmen das nicht ernst und brechen auf. Ich bleibe sitzen. Charles und Roger bitten mich, Vernunft anzunehmen. Ich bewege mich keinen Zentimeter und sage den Maï-Maï, dass sie mich entweder tragen oder Gewalt anwenden müssen. Die verdutzten Bewacher beratschlagen kurz und schicken dann noch einmal einen Boten nach Kinyandonyi. Mein iPod, der bei der Durchsuchung auch übersehen worden war, hat noch ein wenig Strom. Ich klettere auf einen Termitenhügel und feiere den kleinen Sieg mit „Figaros Hochzeit“; der Sonnenuntergang über dem Virunga-Massiv ist atemraubend.

Spät am Abend brechen wir nach Kinyandonyi auf. Wir sind keine zehn Minuten unterwegs, da begegnet uns im Dunkeln eine andere Gruppe der Maï-Maï. Ihr Anführer sieht mich und fängt an zu schreien: Er habe seinen Anteil vom Lösegeld nicht bekommen. Kein Wunder: Es ist ja gar kein Geld gezahlt worden. Er droht damit, dass ich nur gegen Nkundas Rückzug aus Rutshuru ausgetauscht würde. Dann schießt er auf mich, aus wenigen Metern Entfernung. Im allerletzten Moment aber reißen ihm seine eigenen Leute das Gewehr weg. Der Schuss verfehlt sein Ziel.

Gefolgsleute holen den wütenden Schützen wieder ein

Von unseren anderen Bewachern ist keiner mehr zu sehen. Wir rennen los. Aber wohin in stockfinsterer Nacht? Minuten später holen uns die Gefolgsleute des wütenden Schützen wieder ein. Der Kerl sei betrunken, entschuldigen sie den Mordversuch, wir hätten nichts mehr zu befürchten. Sie erzählen, das ganze Dorf habe nach mir und meinen beiden Gefährten gesucht, weil die kongolesische Armee Druck auf die Maï-Maï ausübe, uns freizulassen. Wir marschieren weitere drei Stunden durch den nächtlichen Busch, vorbei an Voodoo-Altären, durch Sümpfe und dichten Wald. Immer wieder tauchen wie aus dem Nichts Kolonnen von bis zu hundert Maï-Maï-Kämpfern auf, begleiten uns wortlos ein paar Kilometer und verschwinden genauso lautlos, wie sie gekommen waren.

Am nächsten Morgen, es ist inzwischen Freitag, der 7. November, nach einer durchwachten Nacht - der dritten in Folge - geht es beim ersten Tageslicht mit unseren Bewachern im Laufschritt durch das noch schlafende Kinyandonyi. Ein halbbekleideter dicker Kongolese kommt auf uns zugestürmt und drückt mir ein Handy in die Hand. „Rufen Sie an! Egal wen! Aber sagen Sie, dass Sie am Leben sind!“, fleht er.

„Wegen euch bin ich kaum noch zum Essen gekommen“

Es ist Major Kanka von der kongolesischen Armee, der Befehlshaber des Stützpunktes in Kinyandonyi. Er ist regelrecht entzückt, uns zu sehen. „Wegen euch bin ich kaum noch zum Essen gekommen“, grummelt er. Wir rufen reihum unsere Familien an, dann das Monuc-Büro in Goma. Man serviert uns Frühstück, die Soldaten geben uns Zahnbürsten, und wir können uns nach drei Tagen im Schlamm in einem Eimer Wasser waschen. Es ist 5.30 Uhr morgens, und unser Albtraum ist zu Ende. Zwei Stunden später holen uns indische Blauhelmsoldaten in zwei Schützenpanzern ab.

Am darauffolgenden Tag erfahre ich auf der Heimreise nach Südafrika, dass drei der vier mitgefangenen Nkunda-Gefolgsleute am Freitag von den Maï-Maï umgebracht wurden.

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