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Drei Tage Gefangenschaft in Kongo : Freiwillig will ich meinen Sarg nicht besteigen

  • -Aktualisiert am

Donnerstag, 6. November: Nach einer vor Kälte und Nässe durchzitterten Nacht scheinen sich der Nkunda-Mann Théophile Mpabuka und der Maï-Maï-“Major“ Miki Kambala handelseinig zu sein. Das Lösegeld soll 30.000 Dollar betragen. Was ich nicht ahne: Das ist nur der Preis für den Nkunda-Teil der Geiseln, also für Théophile, die beiden Kämpfer und die zwei Zivilisten, die sich mir gegenüber wortkarg geben. Théophile, der mir am Vortag noch unterstellt hatte, die Gruppe im Stich lassen zu wollen, weil ich eine Landkarte in meinen Notizblock gekritzelt hatte, macht sich früh am Morgen mit Major Miki auf den Weg zurück nach Kiwanja, um das Geld aufzutreiben. Ich gebe ihm die Telefonnummer meiner Frau. Er wird sie später anrufen und auffordern, 30.000 Dollar zu überweisen.

Ich will nicht darauf warten, dass Théophile Mpabuka sich gnädig unserer entsinnt, sobald er seine eigene Haut gerettet hat. Da sich die verbliebenen fünf Bewacher entspannt zeigen, riskiere ich es, meinen Laptop auszupacken, den ich seit Dienstag in einem Rucksack mit mir herumtrage. Außerdem habe ich noch mein „B-Gan“, ein Gerät, mit dem sich über Satellit eine Internetverbindung herstellen lässt. Ich kann E-Mails versenden! Die Maï-Maï hatten das unscheinbare Gerät nicht erkannt, als sie den Rucksack durchsucht hatten. Einem Wächter, der den Aufbau des B-Gans misstrauisch beobachtet, erkläre ich, das Ding sei ein Solar-Ladegerät. Ich schreibe eine Mail an die Redaktion, in der ich eine relativ genaue Ortsangabe mache und das Lösegeld erwähne.

Sie werden geschlagen und getreten

Am späten Vormittag taucht eine zweite Gruppe Maï-Maï auf: zehn Mann, die unseren Bewachern an Feuerkraft weit überlegen sind. Die Gruppe geht auf die vier Geiseln los, die zum Nkunda-Lager gehören. Sie müssen sich ausziehen, sie werden geschlagen und getreten, schließlich fallen Schüsse. Ich wage es nicht, hinzusehen. Gleichzeitig wollen die Neuen den „Muzungu“ (“der Weiße“ auf Kisuaheli) und seine Begleiter haben. Es gehe darum, den Journalisten nach Kinyandonyi zu bringen, einem von Maï-Maï kontrollierten Dorf nahe Kiwanja. Sie sagen, wir sollten dort freigelassen werden. Meine beiden Begleiter und ich haben keine andere Wahl und folgen ihnen.

Auf halber Strecke müssen wir wieder auf einem Feld campieren. Die Ältesten seien noch nicht bereit, mich zu empfangen, heißt es. Gleichzeitig beteuern unsere neuen Bewacher, wir würden der regulären Armee übergeben, die in Kinyandonyi einen Stützpunkt unterhält. Ich traue der Geschichte nicht und sende in einem unbeobachteten Moment noch eine Mail nach Frankfurt, in der ich darum bitte, die Behörden meines Heimatlandes Belgien einzuschalten, um eventuelle Lösegeldverhandlungen mit dem Maï-Maï-Führer Pascal Kasereka zu beschleunigen. Ich kann zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass die Belgier ebenso wie der Krisenstab des Auswärtigen Amtes in Berlin und die UN-Truppe Monuc längst eingeschaltet sind und die kongolesische Armee deshalb nach uns sucht.

„Zu unserer eigenen Sicherheit“

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