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Drei Tage Gefangenschaft in Kongo : Freiwillig will ich meinen Sarg nicht besteigen

  • -Aktualisiert am

Wir müssen aussteigen und marschieren

Der Grund ist Théophile, außerdem sind zwei andere ranghohe Mitglieder der „Bewegung“ Nkundas in der Nacht gefangen genommen worden. Sie sollen nun befreit werden. Ich höre die Kugeln über meinen Kopf hinwegfegen. Die Kadokos werden wild und fordern meine Erschießung als gutes Omen für das bevorstehende Gefecht. Wieder sind es reguläre Soldaten, die sich vor mich stellen. Die Gefangenen - das heißt Charles, Roger und ich, Théophile und die beiden anderen in der Nacht gefangenen Nkunda-Leute - werden in einen Minibus verfrachtet, der nach Norden rast, weg von der Front. Auch die zwei Nkunda-Kämpfer sind dabei, von denen ich dachte, sie seien am Abend zuvor erschossen worden. Doch sie waren Opfer einer Scheinexekution. Nach ein paar Kilometern bleibt der Wagen im Morast stecken. Wir müssen aussteigen und marschieren zweieinhalb Stunden entlang den Virunga-Bergen in Richtung Lubero.

Als wir auf einer Anhöhe haltmachen, sehe ich in der Ferne Kiwanja und habe eine ziemlich genaue Vorstellung von unserem Aufenthaltsort - auch von der Richtung, in die ich rennen muss, wenn es brenzlig werden sollte. Doch einiges spricht dafür, dass diese Geiselnahme noch an diesem Mittwoch enden wird, die Drohgebärden haben aufgehört, die Geiselnehmer teilen sogar ihr Essen mit uns: Maniok und gerösteten Mais.

Ich verstehe nichts

Aber ich habe die Rechnung ohne „Major“ Miki Kambala gemacht, den Chef unserer achtköpfigen Bewachergruppe. Dem geht es nicht um Politik, sondern um Geld. Theóphile hatte das sofort verstanden und beginnt, mit dem Maï-Maï zu feilschen. Ich verstehe nichts von der auf Kisuaheli geführten Unterhaltung, weil mein Übersetzer Charles die Adrenalinschübe auf seine Weise verarbeitet: Er schläft.

Im Laufe des Mittwochs fällt Kiwanja zurück an die Nkunda-Kämpfer, die ein Massaker unter der Zivilbevölkerung anrichten. Damit ist uns der Rückweg abgeschnitten. Unsere Bewacher werden nervös. Im strömenden Regen marschieren wir nach Westen in Richtung des Virunga-Nationalparks. Die Maï-Maï sagen, ihr Ziel sei Kyondo am nördlichen Ufer des Edwardsees. Das ist eine Strecke von 150 Kilometern und heißt: wochenlang im Busch unterwegs zu sein und Gefahr zu laufen, an Cholera, Typhus, Malaria oder einer Lungenentzündung zu sterben. Nach zwei Stunden Marsch aber machen wir in der Dämmerung an einer Strohhütte am Fuß der Virunga-Berge halt. Alle sind vollkommen durchnässt. Die Strohhütte bietet vier Leuten Platz, wir Geiseln drängen uns zu acht hinein, machen ein Feuer und versuchen, unsere Kleidung zu trocknen. Als der Regen endlich aufhört, sehe ich in vier Kilometern Entfernung einen Antennenmast, der zu einem Lager der regulären kongolesischen Armee unmittelbar an der Straße von Rutshuru nach Butembo gehört. Ich überlege zu fliehen, tue es aber nicht. Die Maï-Maï sind allesamt 20 Jahre jünger als ich und würden mich im Handumdrehen wieder einfangen.

Ich gebe ihm die Telefonnummer meiner Frau

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