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Drei Tage Gefangenschaft in Kongo : Freiwillig will ich meinen Sarg nicht besteigen

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Irgendwann werden wir wieder dorthin zurückgebracht, wo unser Tag begonnen hatte: in das verlassene Hotel Grefamu, wo wir einem hageren Mann Mitte 50 vorgestellt werden. Er stellt sich als Pascal Kasereka vor. Wir sitzen dem Maï-Maï-Chef in der Provinz Nord-Kivu gegenüber. Noch nie bin ich einem Menschen mit solch einer dämonischen Ausstrahlung begegnet. Er verhört mich, glaubt aber offensichtlich meinen Beteuerungen, meine beiden Begleiter und ich seien alle Journalisten. Er sagt, er werde meinen Fahrer Roger, meinen Übersetzer Charles und mich freilassen, nicht aber Théophile, von dem die Maï-Maï annehmen, er sei ein hohes Tier in der Rebellenorganisation von Laurent Nkunda. Wir halten den Mund und retten Théophile damit vermutlich das Leben. Dann will der Maï-Maï-Führer 5000 Dollar. Ich sage, dass ich kein Geld mehr habe. Er sagt, ich solle zum Posten der UN-Truppe Monuc in Kiwanja gehen und dort Geld auftreiben. Ich beratschlage mit Charles, den ich schließlich zurücklassen würde. Er sagt, ich solle Hilfe holen.

Mit zwei Maï-Maï-Kämpfern mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Der Monuc-Posten liegt vier Kilometer die Hauptstraße hinauf. Es ist 17 Uhr, es wird dunkel. Wir kommen an zahlreichen Leichen vorbei, sie tragen alle eine Art Uniform. Ich sehe keine Toten, die eindeutig als Zivilisten zu identifizieren wären. Dafür steht halb Kiwanja an der Straße und jubelt den Maï-Maï zu. Kurz vor der Frontlinie prescht ein Auto heran. Ich werde wieder eingesammelt, ich weiß nicht, warum. Es geht zurück zu Pascal Kaserekas Stützpunkt; dort hat sich in der Zwischenzeit ein Ältestenrat gebildet, der über unsere weitere „Verwendung“ beratschlagt. Einer der Ältesten sagt, mein „Dossier“ sei „kompliziert“. Er gibt mir zu verstehen, dass die Maï-Maï mich nur gegen Nkundas Rückzug aus Rutshuru eintauschen wollen. Ich schwatze dem Maï-Maï-Führer mein konfisziertes Handy ab, rufe meine Frau in Südafrika an. Kurz darauf erreicht mich die Redaktion.

Ich schaue auf und sehe die Feuerzungen

Dann dürfen die Kindersoldaten, betrunken von ihrem Sieg, an dem gefangenen Weißen ihr Mütchen kühlen. Mehrmals wird mir ein Gewehr an den Kopf gehalten, dann leer abgedrückt. Die Maï-Maï schleppen zwei gefesselte Nkunda-Kämpfer heran. Ich schaue auf und sehe die Feuerzungen aus den Mündungen von zwei Kalaschnikows, die auf die beiden Männer zielen, sehe, wie die beiden Schatten fallen und regungslos liegenbleiben. Charles und Roger sitzen derweil in einem stickigen Kabuff zusammen mit dem Maï-Maï-Führer Pascal, der sich betrinkt.

Gegen Mitternacht bekomme ich die Erlaubnis, die Nacht zusammen mit drei Aufpassern im Auto zu verbringen, um aus der Schusslinie der „Kadokos“, der Kindersoldaten, zu kommen. Diejenigen, die sich für mich verwenden, sind „richtige“ Soldaten. Sie tragen Uniformen der regulären kongolesischen Streitkräfte und gut gewartet wirkende Waffen. Zwar bestreitet die kongolesische Regierung seit Jahr und Tag, gemeinsame Sache mit den Maï-Maï zu machen. Der Angriff auf Kiwanja aber war eine konzertierte Aktion der Miliz und der Armee. In der Nacht stoßen auch die gefürchteten Hutu-Milizen aus Ruanda zu den feiernden Maï-Maï. Ich werde Augenzeuge der Zusammenarbeit von Maï-Maï, regulärer Armee und der für den Völkermord in Ruanda 1994 verantwortlichen und seither in Kongo stationierten Hutu-Milizen der „Front Démocratique pour la Libération du Rwanda“ (Demokratische Front für die Befreiung Ruandas, FDLR). Im Morgengrauen des darauffolgenden Tages, es ist Mittwoch, der 5. November, bricht die Hölle los. Nkunda geht zum Gegenangriff über.

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