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Italien : Draghi will auch bei Coronafall Präsenzunterricht

Schüler in Rom werden im September auf Corona getestet Bild: EPA

Das italienische Gesundheitsministerium wollte bei einem Coronafall in einer Klasse alle Schüller nach Hause schicken. Ministerpräsident Draghi hat die Regelung abgeschwächt.

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          Um den Präsenzunterricht auch bei steigenden Infektionszahlen aufrecht zu erhalten, hat Ministerpräsident Mario Draghi am Dienstagabend eine Kehrtwende vollzogen. Noch am Morgen hatte das Gesundheitsministerium verordnet, dass wegen der steigenden Inzidenz schon bei einer einzigen nachgewiesenen Infektion mit dem Coronavirus die gesamte Klasse in den Fernunterricht wechseln müsse. Die Bestimmung hatte heftige Proteste bei Pädagogen sowie bei Elternvertretern ausgelöst.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Nach der neuen, von Regierungschef Draghi im Kabinett durchgesetzten Regelung wird der Präsenzunterricht nun auch dann fortgesetzt, wenn sich ein infizierter Schüler oder eine Lehrkraft wegen einer Infektion in Quarantäne begeben muss. Erst bei mehreren nachgewiesenen Infektionen in einer Klasse soll in den Fernunterricht gewechselt werden. Die Regierung hat sich verpflichtet, mit kostenlosen Tests in den Bildungseinrichtungen das Infektionsgeschehen zu überwachen. Für ungeimpfte Erwachsene kosten Tests 15 Euro, für Kinder und Jugendliche acht Euro. Die Wiedereinführung kostenloser „Bürgertests“ ist derzeit nicht geplant.

          Als zentrale Argumente für die entschlossene Impfkampagne hat Draghi seit März stets vorgebracht, dass ein neuerlicher Lockdown vermieden und der Präsenzunterricht in den Bildungsanstalten gewährleistet bleiben soll. Derzeit sind in Italien 87,5 Prozent der Bevölkerung über zwölf Jahre mindestens einmal geimpft, zwei Dosen haben 84,6 Prozent erhalten. Die Auffrischungsimpfung ist für alle Personen über 18 Jahre möglich, sofern die zweite Impfung fünf Monate zurückliegt. Die Regierung will noch vor Weihnachten mit der Impfungen von Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren beginnen.

          Super Green Pass wird verpflichtend

          In der autonomen Provinz Südtirol droht unterdessen akuter Lehrermangel. Die Impfquote in der zu zwei Dritteln deutschsprachigen Provinz liegt gut fünf Prozentpunkte unter dem Landesdurchschnitt. Die norditalienische Provinz gilt als Hochburg der Impfskeptiker, zumal die überwiegend oder ausschließlich deutschsprachigen Gebiete. Die Schulbehörde in Bozen schätzt, dass von den insgesamt 10 000 Lehrpersonen der Provinz 20 Prozent ungeimpft sind und sich auch nicht durch die allgemeine Impfpflicht für ihren Berufsstand umstimmen lassen werden. Ungeimpfte Lehrer werden vom 15. Dezember an ohne Bezahlung vom Dienst suspendiert, dürfen aber nicht entlassen werden. Die Behörde will pensionierte Lehrkräfte dazu gewinnen, für Impfverweigerer einzuspringen. Es gilt aber als wenig wahrscheinlich, dass viele Lehrer im Ruhestand dem Aufruf folgen werden.

          Derzeit dürfen in Südtirol gut 3000 Kinder, vor allem Grundschüler, nicht in die Schule, weil ihre gesamte Klasse unter Quarantäne gestellt wurde. Diese Bestimmung tritt in Südtirol in Kraft, wenn es drei positive Fällen in der Klasse gibt. Kinder in Klassenquarantäne dürfen das Haus oder die Wohnung auch nicht zum Sport oder zu Freizeitaktivitäten verlassen.

          Ungeachtet der Debatte über eine Impfpflicht hält die Regierung in Rom vorerst an ihrer Planung fest, Ungeimpften weitere Einschränkungen aufzuerlegen, sie aber nicht zur Impfung zu zwingen. Am Montag tritt landesweit für Kultur- und Sportveranstaltungen, in den Innenräumen von Gastronomiebetrieben sowie für öffentliche Veranstaltungen die 2-G-Regel in Kraft, die in Italien weithin „Super Green Pass“ genannt wird. Danach haben nur noch Geimpfte und Genesene Zugang, ein negativer Test reicht für einen Ungeimpften nicht mehr aus.

          Die bisher gültige Verpflichtung zum „Green Pass“ (3-G-Regel) gilt von Montag an in allen Beherbergungsbetrieben, im Schienenverkehr und in Überlandbussen sowie auch im öffentlichen Nahverkehr. Die verschärften Bestimmungen sollen mit einem Großaufgebot von Polizei- und Sicherheitskräften durchgesetzt und kontrolliert werden. Zudem wurde die bereits bestehende Impfpflicht für das Personal in Gesundheitsbereich auch auf sämtliche Bildungseinrichtungen sowie auf die Sicherheitskräfte ausgedehnt.

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