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Donezk : Der verletzte Stolz der Malocher

Es liegt ein Grauschleier über der Stadt: Arbeitersiedlung im Donezk-Gebiet im Osten der Ukraine Bild: VISUM

In Donezk, wo das erste EM-Halbfinalspiel ausgetragen wird, haben neunzig Prozent der Leute Präsident Janukowitsch gewählt - weil er „einer der Ihren“ war. Doch sie wurden enttäuscht - und die Stimmung kippt.

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          Ein sechsundachtziger Lada: vielleicht ein wenig rostig, vielleicht ein wenig durchgesessen auf der Rückbank, aber wenn einer weiß, wie man ganz delikat Zwischengas gibt, so dass der Gang dann doch noch einrastet, fährt der noch ein paar Jahre. Wladimir Derkatsch hat ihn von seiner Liquidatorenprämie gekauft, damals nach Tschernobyl, und jetzt geht es bei offenem Fenster hinaus, vorbei an den Abraumhalden und Hochöfen der Millionenstadt Donezk, mal durch Plattenquartiere, mal durch diese ewigen ostukrainischen Industriedörfer mit niedrigen Katen, Plumpsklos und Gärten, in denen die Arbeiter ihre Gurken ziehen. Der Glanz des Zentrums, die funkelnde „Donbass Arena“, wo an diesem Mittwoch im Halbfinale der Europameisterschaft Spanien auf Portugal trifft, das luxuriöse Hotel „Donbass Palace“ mit seinen Marmorfoyers ein paar Schritte vom Lenin-Denkmal entfernt, bleiben zurück.

          Konrad Schuller
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Lada schaukelt brav dahin. Unter dem ostukrainischen Himmel zieht das Donez-Becken vorbei, diese eigentümlich archaische Industrielandschaft, in der Schornsteine und Fördertürme unmittelbar auf wacklige Bauernhütten treffen, weil der Malocher hier immer noch im Garten Kartoffeln hacken muss, wenn er durchkommen will. Das „Donbass“ mit seinen Kohlegruben und Stahlwerken ist das industrielle Herz der Ukraine, und weil man im Revier zusammenhält, ist es zugleich die Hochburg Präsident Wiktor Janukowitschs, der selbst hier unter den Abraumhalden aufwuchs. Bei der Präsidentenwahl 2010 hat er in Donezk mehr als 90 Prozent der Stimmen erhalten.

          Nur noch 21 Prozent für die Präsidentenpartei

          Auch Wladimir Derkatsch, dessen Wagen jetzt auf die löchrige Landstraße zum Örtchen Komsomolskoje (ukrainisch Komsomolske) eingebogen ist, hat den Präsidenten lange unterstützt. Seinen kranken Schwiegervater hat er „auf den Armen“ ins Wahllokal getragen, als es gegen das „westliche“ Lager unter der heute inhaftierten Oppositionsführerin Julija Timoschenko ging. „Vertraue den Unseren“ hat er damals gedacht: „Die tun etwas für uns. Janukowitsch kommt von hier, und er wird uns helfen.“

          Mittlerweile aber sind ein paar Jahre vergangen, und die Soziologen haben im Donbass etwas Ungewöhnliches beobachtet. Die Einigkeit, lange gespeist durch das patriarchalische Gefolgschaftsverhältnis der Arbeitsbrigaden zu den milliardenschweren Industriebaronen, die den Präsidenten finanzieren und von denen hier alles abhängt, ist rissig geworden. Neueste Umfragen zeigen, dass Janukowitschs „Partei der Regionen“, die im April 2010 in den östlichen, Russisch sprechenden Regionen der Ukraine noch auf 65 Prozent kam, heute hier nur noch mit 30 Prozent rechnen kann. In der gesamten Ukraine unterstützen sogar nur noch 21 Prozent die Präsidentenpartei.

          Der Einbruch reicht bis in die Kernwählerschaft Janukowitschs. Selbst solche Pfeiler postsowjetischer Nibelungentreue wie der Veteranenverband des Afghanistan-Krieges von 1979 bis 1989 sind ins Wanken geraten. Die alten Kämpfer sind unzufrieden mit der Unterstützung, die sie bekommen, und als der Präsident neulich auf eine ihrer Abordnungen traf, machte die ganze Abteilung kehrt und drehte ihm im Protest den Rücken zu.

          Vom Tisch der Reichen fällt nichts

          Der Donezker Soziologe Gennadij Korschow beschreibt diesen Wettersturz im Osten als Folge eines „enttäuschten Klientelverhältnisses“. Die Ukraine hat sich unter Janukowitsch von der Weltfinanzkrise nicht erholen können. Die Wirtschaft wird in diesem Jahr mit 2,5 Prozent viel weniger wachsen als erwartet, und weil der Präsident mit der rücksichtslosen Verfolgung der Opposition die Beziehungen zum Westen verdorben hat, ist das Land russischen Gaspreis-Erpressungen hilflos ausgeliefert. Das Regime sitzt in der Klemme, und es hat kein Geld, seine sowjetisch-staatsgläubigen Stammwähler im Osten weiter an sich zu binden.

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