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Gipfel in Hanoi abgebrochen : Trumps andere Sicht der Dinge

Donald Trump bei seiner Pressekonferenz in Hanoi Bild: AFP

Kein Deal sei besser als ein schlechter Deal, sagt der amerikanische Präsident über sein Treffen mit Kim Jong-un. Grund für das abrupte Ende des Gipfels seien divergierende Vorstellungen über Denuklearisierung und Sanktionen.

          Der Gipfel von Donald Trump und Kim Jong-un in Hanoi endet abrupt und ohne Erklärung. Was ist passiert? Auf seiner hastig vorgezogenen Pressekonferenz bietet Trump eine Erklärung über den geplatzten „Deal“ mit Kim Jong-un: „Er hat eine bestimmte Sicht der Dinge. Es ist nicht genau unsere Sicht der Dinge. Aber wir sind uns viel näher als vor einem Jahr“, sagt Trump. Etwas später sagt er, der nordkoreanische Machthaber habe in der Frage der Denuklearisierung andere Vorstellungen gehabt als die Amerikaner. „Er will denuklearisieren, aber er will es in anderen Arealen machen, aber nicht dort wo wir wollen“, sagt Trump. Ihm zufolge war Kim Jong-un bereit, den Atomkomplex in Yongbyon zu schließen. Amerika habe aber die Schließung noch einer weiteren Anlage gefordert. Uneinig waren sich die beiden Seiten auch über die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen. „Sie wollten die Sanktionen vollständig aufgehoben haben“, sagt Trump. „Das konnten wir nicht machen.“

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Für Trump ist das Scheitern des Gipfels nicht unbedingt ein gutes Ergebnis. Immerhin ist er mit seiner Air Force One mehrere Tausende Kilometer nach Vietnam gereist, Kim Jong-un hatte mit seinem gepanzerten Sonderzug sogar 60 Stunden für die Anreise gebraucht. Mehr als 3000 Journalisten sind in die vietnamesische Hauptstadt gereist. „Ich habe nie Angst davor, einen Deal auszuschlagen“, sagt der Präsident aber auf seiner Pressekonferenz im Luxushotel JW Marriott. Er habe zwar etwas unterschreiben können, aber es sei nicht die Vereinbarung gewesen, die er und sein Verhandlungsführer Außenminister Mike Pompeo sich gewünscht hätten. „Wir fragten ihn, mehr zu tun. Aber dazu war er nicht in der Lage“, ergänzt der Minister die Worte seines Präsidenten. Und Trump: „Es ist besser, etwas richtig zu tun, als schnell.“

          Schon zu Beginn des zweiten Verhandlungstags am Donnerstagmorgen hatte der Präsident dabei die Erwartungen gedämpft. Am Anfang des Treffens im kolonialen Hotel Metropole sagte Trump wiederholt, er habe „keine Eile“. Kim schien da etwas optimistischer. Auf die Frage eines Journalisten, ob er „zuversichtlich“ sei, sagte er: „Es ist noch zu früh. Ich würde sagen, ich bin nicht pessimistisch. Von meinem jetzigen Gefühl her fühle ich, dass es gute Ergebnisse geben wird”, sagte der Nordkoreaner. Es war dabei ungewöhnlich, dass er überhaupt Fragen beantwortete. Später, als die Runde um die Unterhändler aus der zweiten Reihe erweitert wurde, beantwortete er sogar die Frage, ob er zur Denuklearisierung seines Landes bereit sei: „Wenn nicht, wäre ich nicht hier“, sagte Kim lächelnd. Die Antwort gefiel auch seinem Gegenüber. „Das könnte die beste Antwort sein, die sie je gehört haben“, rief Trump der Presse zu.

          Aber die bloße Tatsache des Treffens in der vietnamesischen Hauptstadt reichte offensichtlich nicht, um eine Vereinbarung zustande zu bringen. Und so wild ist Donald Trump dann offenbar doch nicht auf den Friedensnobelpreis, dass er nicht auch auf eigenen Forderungen beharren könne. Vor dem Gipfel hatte der Druck auf ihn zugenommen, zumindest irgendwelche konkreten Ergebnisse zu liefern. Die Vereinbarung mit Kim bei ihrem ersten Treffen vor acht Monaten in Singapur war von vielen als zu „vage“ kritisiert worden. Zumindest kleine Fortschritte bei der Frage der Denuklearisierung für den Hanoi-Gipfel zwingend notwendig. Donald Trump schien Kim dazu drängen zu wollen, seinen Verzicht auf Nuklear- und Raketentests langfristig zu erklären. Am Ende entschied sich Trump aber für die Variante „kein Deal ist besser als ein schlechter Deal“.

          In seiner Pressekonferenz sagt Trump dann gerade so viel, dass man ihm nicht vorwerfen kann, er habe es nicht wenigstens versucht. Die Gesprächsatmosphäre mit dem nordkoreanischen Machthaber sei trotz allem gut gewesen. „Wir mögen einander einfach. Wir haben ein gutes Verhältnis.“ Er sagt sogar, dass er Kim Jong-un „vertraue“. Auf den Fall des nach nordkoreanischer Haft verstorbenen Amerikaners Otto Warmbier angesprochen, sagt Trump mit Blick auf den nordkoreanischen Machthaber: „Ich glaube nicht, dass er davon wusste. Es hat ihm sehr leid getan.“ Es sieht so aus, als wolle Trump den Gesprächsfaden nach dem vorzeitigen Gipfel-Ende nicht abreißen lassen. Die Möglichkeit eines weiteren Treffens will er nicht ausschließen. Aber bis dahin könnte es eine ganze Weile dauern.

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