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Trumps Russland-Affäre : Eine erotisch wie politisch aufgeladene Angelegenheit

Das Escort-Mädchen Nastja Rybka mit dem Oligarchen Oleg Deripaska auf dessen Yacht „Elden“ Bild: Instagram/nastya_rybka.ru

In Thailand wird ein weißrussisches Escort-Mädchen mit Verbindungen zur Politik festgenommen. Aus Angst vor einer drohenden Abschiebung bietet sie amerikanischen Medien jetzt Informationen zu den Russland-Beziehungen von Donald Trump an.

          Die Zusammenkunft in dem thailändischen Hotel war gut besucht, als plötzlich Polizisten hineingestürmt kamen. Videoaufnahmen, die von der Lokalpresse veröffentlicht wurden, zeigen die 43 russischen Teilnehmer auf Seminarstühlen sitzend in einem schmucklosen Funktionsraum des „Ibis Pattaya“. Viele der Teilnehmer trugen T-Shirts mit der Aufschrift „Sex Animator“. Dabei sah der Kurs so gar nicht nach dem „Sex-Training“ aus, als das es den Kunden verkauft worden war; angeblich kosteten vier Tage rund 1400 Dollar. Der Polizei sollen aber auch Videos der Veranstaltung vorliegen, die zwei Veranstalterinnen während des Seminars in intimen Szenen zeigen sollen. Diese Aufnahmen waren der Polizei laut den thailändischen Berichten von einem unzufriedenen Teilnehmer des Kurses zugespielt worden.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Dessen Beschwerden bildeten demnach die Grundlage für den Einsatz in dem Hotel in Pattaya, einer Hochburg des Sextourismus. Doch hinter der Verhaftung der zehn Veranstalter steckt womöglich mehr, als sich auf den ersten Blick erwarten lässt. Denn wie sich herausgestellte, war unter den Festgenommenen eine junge Weißrussin, die aus einem anderen, erotisch wie politisch aufgeladenen Zusammenhang bekannt ist: Anastassija Waschukjewitsch, eine selbsterklärte „Oligarchenjägerin“ und „Meisterin der Verführung“, die als „Nastja Rybka“ auftritt.

          Einen wunden Punkt berührt

          Rybka, zu Deutsch Fischlein, war Anfang Februar ins Zentrum einer Enthüllung Alexej Nawalnyjs gerückt – wobei der russische Antikorruptionskämpfer und Oppositionspolitiker nur Rybkas eigene, monatealte Enthüllungen für sein Online-Millionenpublikum aufbereitete. Die „Verführerin“ hatte in Posts auf ihrer Seite im sozialen Netzwerk Instagram und in einem Buch ihre Affäre mit dem Milliardär Oleg Deripaska verarbeitet. Das wäre dessen Privatangelegenheit, ließe sich nicht dank Rybkas Veröffentlichungen in vielen (teils intimen) Details ein Ausflug auf einer Motoryacht Deripaskas vor die norwegische Küste im August 2016 nachverfolgen, an dem weitere „bezahlte Models“ sowie der stellvertretende Ministerpräsident und einflussreiche Außenpolitiker Sergej Prichodko teilnahmen.

          Ein Audiomitschnitt Rybkas legte nahe, dass auf dem Boot, auf dem Höhepunkt des amerikanischen Präsidentenwahlkampfs, auch über die amerikanisch-russischen Beziehungen gesprochen wurde. Amerikanische Medien haben berichtet, dass Paul Manafort, der zeitweilige Wahlkampfmanager des Kandidaten Donald Trump, seinem früheren Geschäftspartner Deripaska Unterrichtungen über die Kampagne angeboten habe.

          Vor allem deshalb hatte Nawalnyj mit seinem eigenen Video zu dem Fall, das auf Youtube bisher mehr als 6,2 Millionen Mal aufgerufen worden ist, und dem entsprechenden Blogeintrag einen wunden Punkt berührt. Das zeigten die Folgen. Prichodko bemühte sich, im Hintergrund zu bleiben, verzichtete auf rechtliche Schritte. Aber Deripaska erwirkte eine Blockade von Internetseiten Nawalnyjs. Die Medienaufsichtsbehörde teilte bald stolz mit, 29 Medien hätten Informationen über Nawalnyjs Film von ihren Websites entfernt. Instagram, das zum Facebook-Konzern gehört, entfernte Rybkas Posts zu Deripaska und Prichodko. Youtube, das Google gehört, widersetzte sich.

          Nawalnyj löschte schließlich seinen Blogeintrag zu der Enthüllung – nicht den Film selbst –, woraufhin seine Websites Anfang dieser Woche wieder freigegeben wurden. Zur Entscheidung der Medienaufsicht dürfte beigetragen haben, dass es Nawalnyjs Leuten gelungen war, die Blockierungen teils auszuschalten.

          Deripaska verklagte auch Rybka und deren Mentor, den ebenfalls aus Weißrussland stammenden Alexander Kirillow, der als „Alex Lesley“ Verführungskurse anbietet und online ein promiskes Leben („Harem“) inszeniert. Auch er zählt zu den nun in Thailand Festgenommenen. Bei der Klage gegen die beiden geht es um die Veröffentlichung der Fotos, Video- und Audiomitschnitte ohne Deripaskas Einwilligung. Viele Medienvertreter wollen zur Verhandlung kommen; in Russland sorgt die Affäre weniger für Empörung als für Häme, wegen des Mangels an Vorsicht im Umgang mit Escort-Mädchen.

          Rybka schlägt bei Instagram Alarm

          Kein Wunder, dass Rybka und ihre Gefährten die Rückkehr nach Russland zu vermeiden suchen. Die thailändischen Behörden werfen ihnen vor, dass sie ohne Arbeitserlaubnis tätig gewesen seien und dass darüber hinaus Rybkas Visum abgelaufen gewesen sei. Sie wollen die Festgenommenen nach Russland abschieben und ihnen auf zehn Jahre die Einreise verweigern. Rybka nutzte aus der Haft ihre Instagram-Seite, um Alarm zu schlagen: In Russland drohte ihnen der Tod im Gefängnis „oder sie werden uns töten“. Sie bat die Vereinigten Staaten um Schutz vor „politischer Verfolgung“. In einem Video wandte sich Rybka an amerikanische Journalisten: Früher habe sie sehr viel nicht erzählen wollen, doch jetzt sei sie bereit, über die Verbindungen Trumps und Manaforts mit Russland zu berichten.

          „Ich weiß sehr viel“, sagte Rybka. „Wenn Ihr mich im thailändischen Gefängnis noch lebendig findet, rede ich gerne mit Euch.“ Ein Vertrauensmann übergab der amerikanischen Botschaft in Bangkok einen Brief Lesleys, in dem er für sich und die anderen Festgenommenen um amerikanisches Asyl bittet: „Schützen Sie uns so schnell wie möglich, wir haben sehr wichtige Informationen für die Vereinigten Staaten und riskieren unser Leben sehr.“ Dafür sei man bereit, Foto-, Video- und Audio-Belege für „Verbrechen der russischen Regierung“ zu übergeben.

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          Als außerordentlicher Zufall erscheint eine weitere Volte der Geschichte: Just am Dienstag reiste Nikolaj Patruschew, ein einflussreicher früherer Leiter des Geheimdienstes FSB, der nun dem Nationalen Sicherheitsrat vorsteht, nach Bangkok. Dort traf er unter anderen den thailändischen Verteidigungsminister und stellvertretenden Regierungschef Prawit Wongsuwan. In einem anderen Gespräch ging es nach russischen Angaben um „die Sicherheit russischer Touristen“ im Land. Der Erfahrung nach dürfte das thailändische Militärregime den Russen Kooperationsbereitschaft signalisiert haben. In Moskau hatte Dmitrij Peskow, der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, Spekulationen um den Zeitpunkt von Patruschews Reise entgegenzutreten. Es sei „unsinnig“, so Peskow, den Besuch „auf irgendeine Weise mit der Festnahme russischer Bürger auf Thailands Staatsgebiet zu assoziieren“.

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