https://www.faz.net/-gpf-8v36f

Trumps Vergleich : Wie gefährlich ist Schweden wirklich?

  • -Aktualisiert am

Ankunft in Schweden: 2015 nahm das Land 163.000 Flüchtlinge auf, 2016 nur noch 30.000. Bild: Reuters

Donald Trumps Warnung vor Schweden als Hochburg von kriminellen Flüchtlingen hat weltweit Spott und Empörung ausgelöst. Was ist dran an den Behauptungen, die Amerikas Präsident einer Fernsehsendung entnahm?

          Ein Satz wie dieser fällt in Amerika derzeit nicht nur im Weißen Haus auf fruchtbaren Boden: „Schweden ist so gefährlich, dass Somalier überlegen, in ihre Heimatländer zurückzukehren.“ Der Mythos vom toleranten und liebenswerten Schweden ist zerstört, das einstige skandinavische Vorzeigeland versinkt in bürgerkriegsähnlichen Zuständen und ist scheinbar die Vergewaltigungshochburg Europas. Dieses verstörende Bild wird über rechte Medien gern verbreitet, hier auf Breitbart.com, dem vor allem bei Trump-Anhängern populären rechtspopulistischen amerikanischen Internetportal.

          Jetzt hat auch Donald Trump Schweden als Begründung für seine Abschottungspolitik gegenüber Flüchtlingen besonders aus muslimisch geprägten Ländern entdeckt. Am Wochenende sprach er vor jubelnden Fans in Orlando davon, „was letzte Nacht in Schweden passiert ist“ und stellte die angeblichen Ereignisse in eine Reihe mit den IS-Anschlägen von Paris, Brüssel und Nizza.

          Längst ist klar, dass „letzte Nacht in Schweden“ nichts passiert ist. Der amerikanische Präsident gab an, sich auf ein Interview mit Filmemacher Ami Horowitz bezogen zu haben, das bei dem erzkonservativen Fernsehsender Fox News gezeigt wurde. In ihm sprach Horowitz über seinen Dokumentarfilm „Stockholm Syndrome“, in dem er eben jenes düstere Bild Schwedens heraufbeschwört und in direkte Relation zur Flüchtlingskrise setzt.

          Polizisten: Horowitz ist ein „Verrückter“

          An dem Interview und dem Dokumentarfilm wird seit Trumps Aussage heftige Kritik geübt. Aus Schweden haben sich jetzt auch die beiden Polizisten gemeldet, die Horowitz nach dem Anstieg der Gewalt in Städten wie Malmö befragt hatte. Ihre Antworten seien aus dem Kontext gerissen worden, das Thema Migration habe nicht im Fokus des Gesprächs gestanden, erklären sie. Sie bezeichnen Horowitz in der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter als „Verrückten“ und seine Arbeitsweise als „schlechten Journalismus“. Die Tageszeitung Aftonbladet nahm sich überdies der Fakten an, die Horowitz im Interview mit Fox-News-Moderator Tucker Carlson nannte und stellte fest: Zahlen wurden verdreht, Kontexte weggelassen und Behauptungen haben keine Quelle.

          Tatsache ist: In Schweden herrschen keine bürgerkriegsähnlichen Zustände. Im Gegenteil, die Integration der Flüchtlinge läuft im Großen und Ganzen gut, wie ein OECD-Bericht aus dem Mai 2016 der Regierung in Stockholm bescheinigte. Warum stürzen sich rechte Medien wie Breitbart.com, die Nachrichtenseite, die früher von Trumps jetzigen Chefberater Steve Bannon geleitet wurde, also auf Schweden?

          Bernd Parusel, Migrationsexperte im schwedischen Einwanderungsamt, hat eine Vermutung: Häme. „Schweden hat sich lange als ein Land profiliert, in dem Flüchtlinge willkommen sind. Jetzt genießen Populisten es, das Land vorzuführen und zu zeigen: Es klappt doch nicht“, erklärt er im Gespräch mit FAZ.NET. Da kommen Dinge wie Bandenkriminalität in Malmö gerade recht. Rechte Medien wie die deutschen „PI-News“ greifen das nur zu gerne auf und titeln: „55 islambedingte No-Go-Areas“. Die Polizei selbst traue sich nicht mehr in diese Viertel, hieß es in dem dazugehörigen Text. Die schwedische Erklärung dafür: Die Polizei hatte lediglich eine Liste mit Orten aufgestellt, an denen sie mehr Präsenz zeigen wollte.

          „Die Brennpunkte haben nichts mit der Flüchtlingswelle zu tun“

          „Brennpunkte wie in Malmö gibt es hier, ja. Aber das sind lange gewachsene Probleme, sie haben nichts mit der Flüchtlingswelle der letzten zwei Jahre zu tun“, sagt Parusel. Er glaubt, dass Schweden die Integration ganz gut meistere. Als Deutscher habe er den Vergleich mit seiner Heimat und finde: „Beide Länder gehen in die richtige Richtung und bemühen sich. Aber Schweden gelingt es schneller, Ideen umzusetzen. In Deutschland ist das politische System komplizierter.“

          Zu offiziellen Statistiken pflegen rechte Medien ein gespaltenes Verhältnis: Sie zitieren sie gern und laut, doch die Interpretation und Deutung der Zahlen wird oft in eine bestimmte Richtung gedreht. Gerade die schwedische Vergewaltigungsstatistik regte Breitbart und die islamfeindlichen deutschen „PI-News“ dazu an, von einem Anstieg dieser Sexualstraftaten von 70 Prozent zu berichten, natürlich mit Verweis auf Migranten als Haupttätergruppe. Und in der Tat sind die Zahlen erschreckend hoch, mit fast 65 Vergewaltigungen pro 100.000 Einwohnern. Für Deutschland sind es nur neun Vergewaltigungen bei 100.000 Einwohnern, die in der UN-Statistik für 2014 angeführt sind.

          Diese Daten lassen sich nach Ansicht von Fachleuten pauschal aber nicht vergleichen, da die Zahlen zu diesen Delikten in Schweden anders als in Deutschland erfasst werden. In Schweden wird der Strafbestand Vergewaltigung weiter gefasst als in Deutschland, zudem werden die Fälle einzeln gezählt. Wenn also eine Frau ein Jahr lang jede Woche von ihrem Partner vergewaltigt wird, bedeutet das 52 Straftaten in der Statistik. Außerdem sieht die schwedische Gesellschaft Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt sehr offen als ernstzunehmende Straftaten an und nicht als Kavaliersdelikte. Opfer trauen sich also eher, diese zur Anzeige zu bringen. Einen Anstieg von 70 Prozent lässt sich trotzdem schwer daraus herleiten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Konflikt mit Iran : Trumps gefährliches Hin und Her

          Nachdem es zunächst nach Deeskalation aussah, droht Donald Trump Iran abermals. Eine Strategie im Umgang mit der Islamischen Republik ist nicht erkennbar. Trumps Reaktionen haben aber auch innenpolitische Gründe.
          „Eine Art Ideologie, die zu Gräueln in der Historie unseres Planeten geführt hat“: So beschreibt ein ehemaliger Funktionär die Haltung der IAAF gegenüber der standhaften Caster Semenya.

          FAZ Plus Artikel: Fall Caster Semenya : Startrecht nach Kastration

          Die IAAF hat Caster Semenya nach ihrem Sieg in Berlin 2009 eine Operation nahegelegt zur Aufhebung ihrer Laufsperre. Vier Athletinnen unterzogen sich der Tortur. Ein früherer Funktionär spricht von einem Zwangssystem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.