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Trump und Kim in Vietnam : Gipfel unter Lieferzwang

Per Zug statt Flugzeug: Kim Jong-un in Pjöngjang bei der Abreise nach Vietnam
Per Zug statt Flugzeug: Kim Jong-un in Pjöngjang bei der Abreise nach Vietnam : Bild: AP

Wie könnte ein Ergebnis aussehen? Als wahrscheinlich gilt, dass Kim die für ihn am niedrigsten hängenden Trauben pflückt, indem er internationale Inspekteure mit technischen Überwachungsgeräten zu einzelnen Anlagen seines Kernwaffenprogramms reisen lässt, etwa zum Atomwaffentestgelände Punggye-Ri und zu der bekannten kerntechnischen Aufbereitungsanlage Yongbyon. Letztere könnte er schließen oder teilweise sprengen lassen. Für Punggye-Ri hatte Kim bereits im vergangenen Jahr eine Einladung ausgesprochen. Das wäre also machbar. Allerdings ist zweifelhaft, ob das Gelände für sein Atomprogramm überhaupt noch von Bedeutung ist. Keine Rede ist bislang davon, dass sich Inspekteure unangemeldet und überall im Land bewegen dürfen.

Liste mit Zahl der Atomsprengköpfe?

Noch weniger wahrscheinlich ist die von Amerika geforderte umfassende Bestandsliste mit der Zahl der Atomsprengköpfe, der Menge spaltbaren Materials und der entsprechenden Aufbereitungsanlagen. „Daran glaube ich im Moment nicht“, sagt Bernhard Seliger, Leiter des Büros der Hanns-Seidel-Stiftung in Seoul. „Gut wäre ein konkretes Ergebnis im Raketenbereich.“ Denn eine zentrale Rolle für die Verhandlungen mit Amerika spielt das Arsenal an Langstreckenraketen, mittels deren Nordkorea amerikanisches Territorium erreichen könnte.

Kim könnte also begrenzte Inspektionen zusagen und einige wenige Anlagen offenlegen. Auch dafür würde er eine in seinen Augen gleichwertige Gegenleistung einfordern: Sanktionserleichterungen. Jedoch ist nicht zu erwarten, dass sich Donald Trump bereits zum jetzigen Zeitpunkt auf wesentliche Sanktionserleichterungen einlässt. Die Sanktionen sind und bleiben das wichtigste Druckmittel der Staatengemeinschaft. Sie leichtfertig aus der Hand zu geben wäre naiv und vorschnell. Der Dialog mit der amerikanischen Regierung ist für Kim und sein Regime auch deshalb wichtig, um China, dem wichtigsten Nachbarn, mit dem Nordkorea fast seinen gesamten Außenhandel abwickelt, aus der Phalanx der Sanktionsbefürworter herauszulösen. Das ist bereits teilweise gelungen, denn Xi Jiping stellte sich zuletzt demonstrativ hinter Kim, und aus Peking wurden erste Stimmen für eine Entschärfung der Sanktionen laut.

Donald Trump verspricht Kim nach einer Einigung in der Nuklearfrage einen wirtschaftlichen Aufschwung. So hat er bereits geschrieben: „Nordkorea wird eine andere Art von Rakete werden – eine wirtschaftliche.“ Denkbar ist, dass sich die Konfliktparteien, unter Einbeziehung Südkoreas, darauf einigen, geschlossene Kooperationsprojekte – wie die Tourismusregion Kumgangsan oder den Industriekomplex Kaesong – wieder in Gang zu bringen. Trump könnte zudem finanzielle Hilfe für die Renovierung der maroden Infrastruktur in Aussicht stellen, Investitionen ins Schienennetz oder in die Sonderwirtschaftszonen. Dazu könnte mittelfristig ein entsprechender Fonds aufgelegt werden.

Ob es dazu kommt, hängt maßgeblich davon ab, ob sich die Unterhändler auf ein Maßnahmenpaket einigen, mit dem beide Seiten zufrieden sind. Denn sowohl Kim als auch Trump (und erst recht der südkoreanische Präsident Moon) müssen im eigenen Land mit Kritikern rechnen, die den aus ihrer Sicht übertriebenen Kuschelkurs lieber heute als morgen beenden würden. Abgesehen von innenpolitischen Risiken, würde im Falle eines Scheiterns erst einmal wenig geschehen: Denn bisher haben die beiden Staaten nicht viel preisgegeben. Für die Menschen auf der koreanischen Halbinsel wäre das jedoch eine schlechte Nachricht.

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