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Zukunft des IS : Für Trumps Zuversicht gibt es wenig Anlass

Der geplante Abzug der 2000 in Syrtien stationierten amerikanischen Soldaten wird erfolgen. Das bekräftige Präsident Donald Trump vor der internationalen Anti-IS-Koalition. Bild: AP

Fast alle seine Territorien hat der IS mittlerweile verloren. Für Donald Trump ein Grund zum Optimismus. Seine eigenen Militärs sind jedoch skeptisch – denn die Terrormiliz könnte sich leicht neu formieren.

          Es war nur ein kurzer Auftritt des amerikanischen Präsidenten, doch seine Botschaft war klar. Als Donald Trump am Mittwochnachmittag im State Department in Washington vor die versammelten Außenminister der internationalen Anti-IS-Koalition trat, verkündete er, die amerikanischen Streitkräfte hätten gemeinsam mit den kurdisch-geführten SDF-Milizen nahezu das gesamte Territorium befreit, das die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) zu ihrem „Kalifat“ erklärt hatte.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          „Ihr Land ist weg, das ist ein wichtiger Faktor“, sagte der Präsident und Oberbefehlshaber. In Bälde, wahrscheinlich schon in der kommenden Woche, könne formal mitgeteilt werden, dass hundert Prozent des Gebietes des Kalifats befreit worden seien.Er wolle sich aber gedulden und auf die offizielle Meldung seiner Militärs in der Region warten. Trump gratulierte sodann seinen Streitkräften und bedankte sich auch bei den Verbündeten für deren militärischen Beitrag. 79 Mitglieder der Anti-IS-Koalition waren in Washington zusammengekommen – Vertreter von 75 Staaten und vier internationalen Organisationen.

          Trump bekräftigte vor den Verbündeten die amerikanischen Pläne, die 2000 in Syrien stationierten Soldaten abzuziehen. „Wir freuen uns darauf, unsere Kämpfer in Syrien sehr herzlich zu Hause zu begrüßen.“ Über einen Zeitplan ließ er sich nicht aus. Er hob aber hervor, der Abzug bedeute nicht das Ende des amerikanischen Engagements im Kampf gegen den IS. „Wir werden mit Ihnen noch viele Jahre zusammenarbeiten“, sagte er, an die Verbündeten gerichtet. Es gebe noch Überreste des IS, die würden aber „kleiner und kleiner und kleiner“.

          Außenminister Mike Pompeo hatte zuvor hervorgehoben, der IS stelle auch nach dem territorialen Sieg der internationalen Koalition eine Bedrohung dar. Auch der deutsche Außenminister Heiko Maas warnte vor einem Machtvakuum nach einem Abzug der Amerikaner aus Syrien. Die Gefahr sei „bei weitem nicht gebannt“. Es sei wichtig, „dass es insbesondere im Nordosten und in Idlib zu keiner militärischen Großoffensive kommt“, sagte Maas weiter. Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte damit gedroht, im Nordosten Syriens gegen die von der Kurdenmiliz YPG angeführten SDF vorzugehen – die YPG ist die syrische Schwesterorganisation der PKK, die von Ankara bekämpft wird. Im nordwestlichen Idlib droht eine Offensive des syrischen Regimes mit russischer Unterstützung. Eine russisch-türkische Übereinkunft hatte zwar im September eine Militäroperation in der von radikalen Islamisten dominierten Rebellenbastion abgewendet. Moskau kritisiert allerdings ausbleibende Ergebnisse mit Blick auf das Versprechen Ankaras, die Islamistenallianz zurückzudrängen.

          Noch am Dienstag hatte General Joseph Votel, der Kommandeur der amerikanischen Streitkräfte im Mittleren Osten, davor gewarnt, dass der IS sich nach dem Verlust seines Territoriums als Terrorgruppe neu formieren werde. Vor einem Senatsausschuss sagte Votel, die hart erkämpften Gewinne auf dem Schlachtfeld könnten nur durch wachsames Vorgehen gegen die nunmehr versprengten Kämpfer und ihre Anführer gesichert werden.

          Das Pentagon hatte zudem in einem Bericht zur Anti-IS-Mission eine Risikoeinschätzung formuliert, die aus westlichen Geheimdiensten schon länger zu hören war. Sollte sich die sozioökonomische und politische Lage der Sunniten nicht bessern, sollten die konfessionell bedingten Missstände nicht angegangen werden, bestehe für den IS die Möglichkeit, „die Bedingungen für ein Wiederaufleben zu schaffen“ und auch dafür, wieder Territorium unter seine Kontrolle zu bringen. Weiter heißt es: Der IS werde dafür ein halbes bis ein Jahr brauchen, wenn der Druck durch die Antiterrorkampagne nachlasse. Nach wie vor füllten die Dschihadisten in Syrien mit Ölschmuggel, Erpressung und Entführungen ihre Kriegskasse.

          Die Bilder aus den Landstrichen in Syrien, die zuletzt aus den Händen des IS befreit wurden, liefern wenig Anlass zur Zuversicht. Wie auch im Irak haben die Kämpfe eine Schneise der Verwüstung geschlagen: Notleidende Einwohner stehen vor zerstörten Häusern, Straßen oder Krankenhäusern. Tausende sind vor den Gefechten geflohen – „hungernd, dehydriert, manche barfuß“, wie Mitarbeiter von Hilfsorganisationen berichten. Und die Region ist zudem Gegenstand eines Machtkampfes, nicht aber einer abgestimmten Hilfskampagne.

          Noch halten die Dschihadisten nach Berichten aus dem Kampfgebiet ein letztes Dorf im Euphrat-Tal. Aber wie im Irak hat sich der IS längst auf eine Zeit im Untergrund vorbereitet. „Die Schläferzellen haben ihre Aktivitäten deutlich verstärkt“, sagt Shervan Dervish, der Sprecher des Militärrates von Manbidsch, wo vor gut drei Wochen bei einem Anschlag unter anderen vier Amerikaner getötet wurden. Immer würden Sprengsätze gefunden, die am Straßenrand versteckt werden. „Unter den Leuten breiten sich Angst und Nervosität aus.“

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