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Dominique Strauss-Kahn : War alles ein Komplott?

Ganz entspannt: Dominique Strauss-Kahn nach seiner Stimmabgabe bei den sozialistischen Vorwahlen am 16. Oktober Bild: dapd

Ein Bericht hat den Verdacht einer politischen Verschwörung gegen Dominique Strauss-Kahn wiederaufleben lassen, ein Comeback halten aber selbst enge Vertraute für unwahrscheinlich.

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          Ziemlich geheimnisvoll hatte Dominique Strauss-Kahn in seinem letzten Fernsehinterview geklungen. „Eine Falle? Das ist möglich. Ein Komplott? Das werden wir sehen“, sagte er vor gut zwei Monaten. Jetzt haben die Enthüllungen des amerikanischen Journalisten Edward Epstein in der „New York Review of Books“ den Verdacht einer politischen Verschwörung gegen den einstigen Hoffnungsträger der französischen Sozialisten wiederaufleben lassen. Waren die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Strauss-Kahn eine politische Intrige?

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Alles nur Hirngespinste“, polterte Frankreichs Innenminister Claude Guéant im Radiosender Europe 1. Guéant, der über die Geheimdienste wacht, ist von den Recherchen Epsteins nicht überzeugt. „Nur weil Strauss-Kahn sein Blackberry verlegt hat, ist das noch kein Komplott“, sagte er. Strauss-Kahns Mobiltelefon ist unmittelbar nach seiner Sexeskapade mit dem Zimmermädchen Nafissatou Diallo im New Yorker Sofitel verschwunden und wurde nicht wieder aufgefunden. Angeblich soll es zuvor gehackt worden sein, das will Strauss-Kahn am Morgen vor seiner Verhaftung erfahren haben - von einer Bekannten aus der UMP-Parteizentrale. „Das ist grotesk“, reagierte der Vorsitzende der Präsidentenpartei UMP, Jean-François Copé. Er sagte: „Die ganze Geschichte über ein Komplott ist lächerlich.“

          Besuche von einem kleinen Kreis der Vertrauten

          Epstein griff eine weitere Ungereimtheit auf, die schon zu Beginn der DSK-Affäre Mitte Mai die französischen Medien beschäftigt hatte: Die Hotelleitung soll nach den Vergewaltigungsvorwürfen des Zimmermädchens über eine Stunde lang gewartet haben, bevor sie die Polizei anrief. Der Sicherheitschef des Sofitel soll seinen Vorgesetzten bei der Accor-Hotelgruppe, René-Georges Querry, in Paris angerufen haben. Querry aber saß laut Epstein gerade auf der Ehrentribüne beim entscheidenden Spiel der französischen Fußballliga zwischen Paris Saint-Germain und Lille nur ein paar Plätze von Präsident Sarkozy entfernt. Epstein will auch eine geheime Videoaufzeichnung eingesehen haben, die zwei Sofitel-Angestellte zeigt, die kurz nach Benachrichtigung der Polizei einen drei Minuten langen Freudentanz aufführen. „Maximal acht Sekunden“, habe der Freudenausbruch der Angestellten gedauert, der in keinem Zusammenhang mit Strauss-Kahn gestanden habe, teilte die Accor-Gruppe in Paris mit.

          An eine neuerliche Wende zugunsten Strauss-Kahns mögen selbst die letzten treuen Parteifreunde nicht glauben. Der sozialistische Abgeordnete Jean-Christophe Cambadélis zählt zum kleinen Kreis der Vertrauten, die der 62 Jahre alte Strauss-Kahn von Zeit zu Zeit in seiner Wohnung am vornehmen Place des Vosges in Paris empfängt. „Schweigen“ sei das Beste, was Strauss-Kahn widerfahren könne. Von einer Klage gegen die Sofitel-Hotelleitung rät Cambadélis ab: „Dominique Strauss-Kahn hat genügend Strafverfahren laufen, da sollte er nicht noch ein weiteres anzetteln.“

          In Paris traut er sich kaum noch auf die Straße

          Strauss-Kahns Name taucht mit großer Regelmäßigkeit in Justizermittlungen gegen einen Zuhälterring in Lille auf. Den Anfang nahm das Verfahren mit der Anklage gegen einen Zuhälter mit dem Spitznamen „Dodo der Salzhering“ wegen „bandenmäßig organisierter schwerer Zuhälterei und Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung“. Mittlerweile laufen Strafverfahren gegen acht Verdächtige, darunter der vom Dienst suspendierte Polizeichef der Region Norden und ein weiterer ranghoher Polizist, der Direktor des Luxushotels Carlton in Lille und zwei Unternehmer. Letztere sollen die „parties fines“ genannten Sexorgien finanziert haben, die für Strauss-Kahn in Paris, Lille, Wien, Washington und anderen Städten organisiert wurden. In den französischen Medien kursierten die SMS-Kurznachrichten, die Strauss-Kahn geschrieben haben soll. „Geht es, ein Fräulein mitzubringen?“, schrieb er aus Wien. „Sind im Gefolge der Delegation auch Freundinnen?“, fragte er aus Washington. „Mit Sylvie ist es kompliziert, Jade und Catherine kommen gewiss“, lautete die Antwort.

          Die letzte Sexeskapade, das haben die französischen Ermittler herausgefunden, fand in Washington vom 10. bis zum 13. Mai statt, also in den Tagen vor der Verhaftung Strauss-Kahns. Eine der mitreisenden Prostituierten namens Jade gab in einer eidesstattlichen Erklärung an, sie habe sich in Washington für ein „Erinnerungsfoto“ mit Strauss-Kahn in seinem Büro aufnehmen lassen. In Frankreich ist es nicht strafbar, mit Prostituierten zu verkehren. Aber die Schmuddelgeschichten haben dazu geführt, dass auch die letzten Parteifreunde in Paris auf Distanz gegangen sind. Pierre Moscovici, der zum Kampagnenleiter des sozialistischen Kandidaten François Hollande aufgestiegen ist, glaubt nicht eine Sekunde an eine Verschwörung. „Ich glaube nicht an die Komplottthese, die eine minutiöse Planung voraussetzen würde“, sagte er. Ein politisches Comeback Strauss-Kahns hält Moscovici für so gut wie ausgeschlossen. In Paris gab es Gerüchte, Strauss-Kahn könne für eine gewisse Zeit nach Israel übersiedeln. In Paris traut er sich kaum noch auf die Straße.

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