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Cummings teilt aus : „Karriere-Psychopath“ oder respektabler Whistleblower?

Dominic Cummings Anfang Mai in London Bild: EPA

„Inkompetenz“, „Fehlentscheidungen“, „Lügen“ – der ehemalige Berater Dominic Cummings keilt gegen die britische Regierung. Er wirft ihr vor, im Kampf gegen die Pandemie zu lange auf Herdenimmunität gesetzt zu haben.

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          Seit Wochen steigert der in Ungnade gefallene Regierungsberater Dominic Cummings mit kleinen und mittelgroßen Häppchen den öffentlichen Appetit auf seinen nächsten Auftritt. In Blogs und auf Twitter wirft er seinem ehemaligen Chef, dem britischen Premierminister Boris Johnson, und weiteren Regierungsvertretern „Inkompetenz“ und Fehlentscheidungen im Umgang mit der Pandemie vor. Am Mittwoch soll es so weit sein: Dann will Cummings seine Anschuldigungen vor einem Parlamentsausschuss belegen.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Zunächst hatte Cummings der Regierung vorgeworfen, zu spät in die beiden Lockdowns gegangen zu sein und auch zu spät die Grenzen geschlossen zu haben; ob dies jeweils gegen Cummings Ratschlag geschah, ist bisher unklar. Am Pfingstwochenende traf er die Regierung an einem weiteren wunden Punkt. Er unterstützte die Kritik, dass die Regierung zu lange am Konzept der sogenannten Herdenimmunität festgehalten und so zur überdurchschnittlich hohen Zahl von Corona-Toten beigetragen habe. Das Dementi von Gesundheitsminister Matt sei „bullshit“ und eine „Lüge“.

          Im Kern geht es um die Frage, ob das Erreichen von Herdenimmunität einige Wochen lang „offizielle Strategie“ der Regierung gewesen ist, wie Cummings behauptet. Unbestritten ist, dass der wissenschaftliche Chefberater der Regierung, Patrick Vallance, im März 2020 öffentlich mit dem Begriff hantiert hatte. Als die meisten europäischen Länder in den ersten Lockdown gingen, sagte Vallance: „Wenn Sie etwas sehr, sehr stark unterdrücken und diese Maßnahmen dann lockern, schlägt es zur falschen Zeit zurück.“ Ziel der britischen Regierung sei es deshalb, die Infektionen „nicht vollständig zu unterdrücken“ und gleichzeitig die Risikogruppen zu schützen.

          Zehn Tage später, am 23. März, änderte Johnson den Kurs und verhängte den ersten Lockdown. In Cummings digitaler Kryptosprache klingt das so: Hancock und Kabinettsbürominister Michael Gove hätten „die Effekte der Herdenimmunität zu spät begriffen: Hunderttausende röcheln sich zu Tode + monatelang kein Gesundheitsdienst für irgendjemanden + Tote nicht begraben + Explosion der Wirtschaft; also gingen wir auf Plan B: Unterdrückung + Manhattan-Projekt für Medikamente/Impfstoffe + Test&Nachverfolgung etc.“

          Die Regierung bestreitet die Vorwürfe

          Die Regierung bestreitet, dass der im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern zehn Tage spätere Lockdown auf eine „Strategie der Herdenimmunität“ zurückgegangen sei. Innenministerin Priti Patel bekräftigte zuletzt am Sonntag, dass dies „absolut nicht“ der Fall gewesen sei. Eine hohe Gesundheitsfunktionärin des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS versicherte, sie habe an keiner einzigen Sitzung teilgenommen, auf der darüber geredet worden sei. Zugleich machte sie darauf aufmerksam, dass Herdenimmunität grundsätzlich ein anerkanntes Konzept sei; derzeit werde diese über die Impfkampagne angestrebt. Dieselbe Frau war von Cummings der Inkompetenz bezichtigt worden, weil sie anfangs gegen Masken argumentiert hatte.

          Nervosität ruft in der Regierung hervor, dass Cummings angedeutet hat, seine Vorwürfe mit Dokumenten, womöglich mit Gesprächsmitschnitten zu belegen. Nachdem er im Herbst von seinem Beraterposten entbunden worden war, hatte sich Cummings zunächst zurückgezogen. Seine Angriffe begannen erst im April, als er von Downing Street für das Auftauchen regierungsinterner E-Mails und Textnachrichten in der Öffentlichkeit verantwortlich erklärt wurde – ein Vorwurf, den Cummings bestreitet.

          Johnson, der seinen früheren Chefberater lang gegen harscheste Kritik verteidigte, lässt Cummings inzwischen von Mitarbeitern als „bitteren Mann“ porträtieren, dem kein Glauben zu schenken sei. Umgekehrt stilisieren Johnson-Kritiker, die Cummings jahrelang als unseriösen „Karriere-Psychopathen“ bekämpft haben, ihn nun zu einem respektablen Whistleblower.

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