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Doku über Majdan-Revolte : Bis alles in Flammen steht

  • -Aktualisiert am

Der Majdan brennt – Screenshot aus der Doku „All things ablaze“ Bild: Oleksandr Tetschinskij, Aleksej Solodunow, Dmitrij Stojkow

Das ukrainische Kamerateam, das für FAZ.NET die Revolte auf dem Majdan filmte, hat eine Doku veröffentlicht: „All things ablaze“ ist ein verstörender Film, in dem sich die Grenze zwischen Gut und Böse auflöst.

          Es ist der Abend, an dem Lenin stürzt. Die Statue des Revolutionsführers liegt schon kopflos am Boden. Sie ist nur noch ein Trumm aus rotem Granit. Wütende Männer prügeln abwechselnd mit einem langen Hammer auf sie ein. Eine aufgekratzte Menge bettelt, die Hände ausgestreckt, um Erinnerungsbröckchen. Nur ein Einsamer will Lenin schützen: Ein älterer Herr mit schwarzer Pelzmütze und entrücktem Blick umarmt den kalten Stein, um ihn nicht den Zerstörern zu überlassen. „Schafft den Kommunisten weg!“, ruft einer. „Ich würde mich aufhängen an Deiner Stelle“, höhnt ein anderer. „Schlagt den Mann nicht!“, fleht eine junge Frau. Ein paar Minuten erträgt der Leninbeschützer die Beschimpfungen. Als sie ihn schließlich wegzerren, ruft er verzweifelt: „Leute, das ist eine friedliche Demonstration!“

          Diese Szene hat sich am 8. Dezember 2013 im Zentrum von Kiew abgespielt. Maskierte Kerle von der rechtsextremen Partei „Swoboda“ hatten die Statue mit einem Drahtseil vom Sockel gerissen. Ein paar Meter entfernt, auf dem Majdan, hatten gut zwei Wochen zuvor friedliche Proteste gegen das korrupte Regime von Präsident Janukowitsch begonnen, gegen die Oligarchie und die postsowjetische Anhänglichkeit an Moskau.

          Nach neun Tagen lässt der Präsident den Platz mit Tränengas und Knüppeln räumen. Einige Demonstranten schlagen zurück, die ersten Steine und Brandsätze fliegen. Dann stellen sie Zelte auf und werden drei Wintermonate lang nicht mehr weichen. Die schlimmsten Kämpfe stehen der Stadt noch bevor. Doch spätestens während der Minuten am Lenindenkmal löst sich in dem Dokumentarfilm „All things ablaze“ (Alles steht in Flammen) die Grenze zwischen Gut und Böse auf.

          „Der unpatriotischste Film über den Majdan“

          Der Film, den die drei jungen Ukrainer Oleksandr Tetschinskij, Aleksej Solodunow und Dmitrij Stojkow während der Proteste auf dem Majdan drehten, feierte gerade beim Dok Leipzig Festival seine Weltpremiere. Doch gespannt sind die Macher vor allem auf die Reaktion, die er in ihrer Heimat auslösen wird. „Wir haben wahrscheinlich den unpatriotischsten Film über den Majdan gedreht“, sagte Tetschinskij den Zuschauern in Leipzig.

          „All things ablaze“ ist nicht das Porträt einer gewaltlosen, demokratischen Bewegung, sondern das einer blutigen Revolution. Die drei Kameramänner sind ehemalige Fotoreporter. Sie stellten sich an der ersten Frontlinie hinter den Barrikaden auf, einer stets auf der Seite der Protestierenden, einer bei den Sicherheitskräften. Ein Dritter filmte Szenen wie die des einsamen Leninschützers. Schon während der Proteste veröffentlichten sie Teile dieser Aufnahmen auf FAZ.NET. Im Film wollten sie, so erklärt Tetschinskij, das zeigen, was sie selbst nicht verstehen konnten.

          Bilder apokalyptischer Schönheit

          Herausgekommen ist ein beängstigend schnell sich drehender Strudel der Gewalt, Bilder eines Flammeninfernos von apokalyptischer Schönheit. Der Film zeigt, wie sich ein politischer Protest in einer europäischen Hauptstadt in den Endkampf eines surrealen Weltuntergangsszenarios verwandelt. Polizeibusse werden umgestoßen, Gummigeschosse, Steine und Feuerwerkskörper fliegen. Junge Männer in Masken schleppen brennende, qualmende  Autoreifen herbei, füllen Benzin in Flaschen und schleudern die brennenden Cocktails auf Polizisten. Immer wieder stecken sie sich dabei selbst in Brand, werfen sich schreiend zu Boden.

          Die Kameramänner rennen zusammen mit den Sicherheitskräften und Protestierenden um ihr Leben und nehmen dramatische Wackelbilder auf. Am Ende sieht man blutüberströmte Gesichter auf beiden Seiten und kann kaum glauben, dass auf dem Majdan nicht noch viel mehr Menschen getötet wurden.

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