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Stalinismus-Forscher : Historiker Dmitrijew zu dreieinhalb Jahren Lagerhaft verurteilt

Der russische Historiker Jurij Dmitrijew im Jahr 2018 Bild: dpa

Der russische Historiker Jurij Dmitrijew erforscht Stalins Massenerschießungen. Nun wurde er zu dreieinhalb Jahren Haft wegen Kindesmissbrauchs verurteilt. Der Vorwurf ist konstruiert und soll ihn stigmatisieren.

          5 Min.

          Es kommt selten vor, dass Karelien, eine nordwestrussische Teilrepublik an der Grenze zu Finnland mit viel Wald und Wasser, im Zentrum der russischen Politik steht. Notorisch ist das Erbe des sowjetischen GULag und Stalins Staatsterror – und seit dreieinhalb Jahren das Vorgehen der Justiz gegen den Historiker Jurij Dmitrijew, das immer wieder Aufmerksamkeit auf Karelien lenkt, auch im Ausland, besonders aber natürlich in Russland, wo sich viele Schriftsteller, Historiker und viele andere Menschen für Dmitrijew einsetzen, mit der Region verbunden.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Auch am Mittwoch kamen wieder rund 200 seiner Unterstützer vor das Gerichtsgebäude in der Republikhauptstadt Petrosawodsk, wo ein neues Urteil gegen ihn verkündet wurde. Sein Fall hat Signalwirkung, denn es geht darum, wie Russland unter Präsident Wladimir Putin und dem mächtigen Geheimdienst, dem Putin entstammt, zivilgesellschaftliche Geschichtsaufklärer inhaftiert und stigmatisiert.

          Dmitrijew ist dabei kein Einzelfall – aber sein Fall ist besonders schrecklich, denn er ist nicht das einzige Opfer. Der dürre, mittlerweile 64 Jahre alte Mann gehört zu der aussterbenden Generation von Russen, die das Ende der Sowjetunion als Möglichkeit sahen, Staatsverbrechen zu erforschen und zu sühnen. Das brachte Dmitrijew zu „Memorial“, deren Vertreter in Karelien er wurde. Die Organisation wird wegen ihrer Aufklärung über Stalins Terror und aktuelle Menschenrechtsverletzungen in Russland längst als „ausländischer Agent“ drangsaliert.

          Dmitrijew hat in den karelischen Wäldern mehrere Orte von Massenerschießungen entdeckt, hat die Erinnerung an die Opfer der in Russland stets „Repressionen“ genannten Staatsterroraktionen geweckt und wachgehalten. Es besteht kein vernünftiger Zweifel daran, dass er wegen dieses Engagements seit Ende 2016 mit kurzen Unterbrechungen in Untersuchungshaft sitzt – und nicht wegen eines angeblichen sexuellen Missbrauchs seiner Adoptivtochter, der ihm jetzt, maximal rufschädigend, vorgeworfen worden ist.

          Staatsanwaltschaft forderte 15 Jahre Haft

          Am Mittwochnachmittag sprach das Gericht Dmitrijew dieses Vorwurfs schuldig; die Staatsanwaltschaft hatte 15 Jahre Haft gefordert, das Gericht verurteilte Dmitrijew zu dreieinhalb Jahren Lagerhaft. In Anrechnung der Untersuchungshaft komme Dmitrijew im November frei, sagte dessen Anwalt. Das Stigma der Verurteilung soll aber bleiben. Es ist ein Urteil auf Wiedervorlage, gleichsam die Korrektur eines Wunders.

          Als Dmitrijew vor dreieinhalb Jahre erstmals festgenommen wurde, lauteten die Vorwürfe „Benutzung einer Minderjährigen zur Herstellung von Pornographie“ und „lasterhafte Handlungen ohne Gewaltwendung“, später kam unerlaubter Waffenbesitz hinzu. Es ging um Fotos, die der Historiker von seiner 2005 geborenen Adoptivtochter gemacht hatte, um sich gegen mögliche Behördenvorwürfe zu wappnen, das dünne und oft kranke Kind werde vernachlässigt.

          Dmitrijew, der auch eigene Kinder hat, war als kleiner Junge selbst aus einem Kinderheim adoptiert worden, wollte nach eigener Darlegung jemandem zurückgeben, was ihm seine Adoptiveltern Gutes getan hatten. Zum Vorwurf gemacht wurden Dmitrijew im ersten Prozess neun Fotos von insgesamt mehr als hundert, die Dmitrijew gemacht hatte und die das Kind im Alter von drei bis sieben Jahren zeigten.

          Gutachter wiesen Vorwürfe zurück

          Mehrere Gutachter wiesen die von den Ermittlern daraus konstruierten Kinderpornographie- und Pädophilie-Vorwürfe zurück. Im April 2018 wurde Dmitrijew nur wegen unerlaubten Waffenbesitzes (es ging dabei um Teile eines Gewehrs ohne Patronen) verurteilt, im Kern aber freigesprochen. Das galt als Sensation, denn in Russland enden fast alle Strafverfahren unabhängig von der Beweislage mit Schuldsprüchen.

          Die brüskierten Ermittler legten nach, warfen Dmitrijew nun „gewaltsame Handlungen sexuellen Charakters gegen eine Person unter vierzehn Jahren“ vor. Wieder handelt es sich um die Adoptivtochter. Das erste Urteil, der Freispruch, wurde aufgehoben und Dmitrijew kam schon gut zwei Monate nach dem Freispruch unter den neuen Vorwürfen neuerlich in Untersuchungshaft. Das begleitete das kremltreue Fernsehen, das seinem Publikum schon die Fotos des kleinen Mädchens gezeigt hatte, mit Falschmeldungen, Dmitrijew (der gar keinen Reisepass hat) habe sich nach Polen absetzen wollen. Wie schon der erste Prozess, fand auch der zweite unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

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