Journalismus in Russland :
Dmitrij Muratow – Kämpfer gegen Putins Zensur

Von Friedrich Schmidt, Moskau
Lesezeit: 2 Min.
Dmitrij Muratow
Russlands Militär will verbieten, dass das Bild einer unblutigen „Operation“ in der Ukraine Risse bekommt. Friedensnobelpreisträger Dmitrij Muratow und seine Zeitung „Nowaja Gaseta“ machen weiter, trotz aller Risiken.

Bald, nachdem Präsident Wladimir Putin die „Spezialoperation“ befohlen hatte, veröffentlichte Dmitrij Muratow auf der Website der „Nowaja Gaseta“ eine Videobotschaft. „Unser Land hat auf Befehl von Präsident Putin einen Krieg mit der Ukraine begonnen. Und niemand kann ihn stoppen. Daher verspüren wir neben Kummer auch Scham“, sagt der Sechzigjährige. „Als wäre es der Schlüsselanhänger eines teures Autos, wendet der Oberbefehlshaber in den Händen den Atomknopf. Ist der nächste Schritt eine nukleare Salve? Wie sonst soll man die Worte Putins von einer Vergeltungswaffe verstehen.“

Muratow, Chefredakteur der unabhängigen „Nowaja“ seit 1995 mit einer Unterbrechung in den Jahren 2017 bis 2019, kündigte an, die Freitagsausgabe werde auf Russisch und Ukrainisch erscheinen, „weil wir die Ukraine niemals als Feind anerkennen und die ukrainische Sprache niemals als Sprache des Feindes.“

Über Verluste spricht die Regierung nicht

Die Ausgabe konnte erscheinen. Die Zeitung musste aber auf Druck von Generalstaatsanwaltschaft und Medienaufsicht Roskomnadsor Mu­ra­tows Appell im Netz blockieren. „Die Redaktion hält das für einen Akt der Militärzensur, wird aber ihre Leser weiter über das Geschehen informieren“, steht dort. Schon sollen die „Nowaja“ und andere Medien weitere Materialien entfernen, die die „Spezialoperation“ als Angriff, Invasion, Krieg bezeichnen. Roskomnadsor fordert, nur „offizielle russische Informationen“ zu verwenden.

Diese laufen auf eine rasche, fast unblutige „Befreiung“ des Nachbarlands vom „Nazismus“ hinaus. Indem die „Nowaja“ und andere diese Darstellung mit ukrainischen Meldungen und eigenen Recherchen kontrastieren, straft sie das Regime Lügen. Das Verteidigungsministerium beklagte, unabhängige Medien berichteten mit „Fakes“, „besonders“ die „Nowaja“. Die Zeitung antwortete, damit man Informationen veröffentlichen könne, müsse man sie erhalten, verwies auf eine Anfrage nach russischen Verlusten, auf die man keine Antwort erhalten habe.

Das kennt die „Nowaja“. Mehrere ihrer Mitarbeiter sind ermordet worden. Muratows Leute recherchieren, doch fielen Urteile, traf es niedere Chargen, keine Auftraggeber. Den ermordeten Kollegen widmete Mu­ratow den Friedensnobelpreis, den er im vorigen Jahr zusammen mit der philippinischen Journalistin Maria Ressa erhielt. Muratow stammt aus Kujbyschew, dem heutigen Samara, ist Vater dreier erwachsener Kinder. Er kennt den Krieg, als Reporter in Tschetsche­nien Mitte der Neunzigerjahre. Am Ende des Appells, den man noch auf Youtube abrufen kann, sagt er: „Meiner Meinung nach kann nur eine Antikriegsbewegung von Russen das Leben auf dem Planeten retten.“