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Amerikanischer Staatsbürger : Mit gebrochenem Finger in Lukaschenkas Kerker

Der Politikberater Vitali Shkliarov in einem Café in Moskau im Jahr 2017. Bild: Getty

Seit Juli sitzt der Politikberater und amerikanische Staatsbürger Vitali Shkliarov in Minsk in Haft. Washington setzt sich bislang zumindest öffentlich wenig für seine Freilassung ein. Jetzt hat seine Frau einen ungewöhnlichen Schritt gemacht.

          5 Min.

           Um ihren Mann aus belarussischer Haft zu retten, hat eine amerikanische Diplomatin jetzt zu einem ungewöhnlichen Schritt gegriffen. Sie heißt Heather Shkliarov und ist die Frau des Politikberaters Vitali Shkliarov, der neben der belarussischen auch die amerikanische Staatsangehörigkeit hat. Ihr Appell klagt das belarussische Regime an und erscheint zugleich als Vorwurf gegen die eigene, amerikanische Regierung. Der 44 Jahre alte Vitali Shkliarov wird seit Ende Juli in Minsk in Untersuchungshaft gehalten. Schon im August berichtete er über seinen Anwalt (https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/protokoll-ueber-folter-in-einem- gefaengnis-in-belarus-16912193.html) von Isolation und Misshandlung. „Für alle Fälle sag ich es nochmal ganz offiziell: Ich habe keine Selbstmordgedanken“, schrieb Shkliarov.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Jetzt geht es ihm offenbar sehr schlecht. Am Wochenende teilte Shkliarovs Anwalt mit (https: //www.faz.net/aktuell/politik/ausland/proteste-in-belarus-sie-lassen-sich-nicht- einschuechtern-16951725.html), seit dem 8. September leide sein Mandant an 39 Grad Fieber, Schüttelfrost und Husten, aber man teste ihn nicht auf das Coronavirus. Zudem sei ein Finger seines Mandanten gebrochen, wobei Shkliarov, der „stark eingeschüchtert“ wirke, sich nicht zu den Umständen des Bruchs äußern wolle. In ihrer Erklärung (https://echo.msk.ru/blog/echomsk/2709735-echo/) schildert Heather Shkliarov zunächst die Absurdität der Darstellung des Regimes. Ihrem Mann werde vorgeworfen, am 29. Mai in der westbelarussischen Stadt Hrodna eine unerlaubte Demonstration für Sergej Tichanowskij organisiert zu haben.

          „In T-Shirt, Shorts und Schlappen“ verhaftet

          Letzterer ist ein bekannter Blogger, dessen Kandidatur das Regime verhinderte und ihn an jenem Tag inhaftierte, weshalb Tichanowskijs Frau Swetlana Tichanowskaja gegen Diktator Alexandr Lukaschenka antrat. Heather Shkliarov schreibt, ihr Mann sei nie in Hrodna gewesen, habe Tichanowskij nie getroffen und sei am fraglichen Tag mit ihr im Haus der Familie im amerikanischen Bundesstaat Virginia gewesen. Am 9. Juli sei Vitali Shkliarov zusammen mit dem acht Jahre alten Sohn des Paars zu seiner Mutter in die ostbelarussische Stadt Gomel gereist, während sie mit der gemeinsamen Tochter zu Hause geblieben sei, um für einen bevorstehenden Umzug nach Kiew zu packen. Vitali Shkliarov musste demnach in Belarus eine zweiwöchige, pandemiebedingte Quarantäne einhalten.

          Danach sei er in Gomel auf dem Weg zu einem Laden, wo er eine Melone für seine Mutter kaufen wollte, „in T-Shirt, Shorts und Schlappen“ vom Geheimdienst verhaftet und in das 300 Kilometer entfernte Minsk gebracht worden. Der Sohn sei allein bei der Großmutter zurückgeblieben, schrieb Heather Shkliarov weiter. Ihr Mann Vitali stellte für das Regime ein vielseitig auszubeutendes Ziel dar. Shkliarov, der 1976 in Gomel geboren wurde, studierte in den neunziger Jahren in Deutschland, wo er begann, sich für Politik und speziell für Wahlkämpfe zu interessieren. Er arbeitete 2012 in der Wiederwahlkampagne des damaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama mit und war im Vorwahlkampf der Demokraten 2016 Berater für Bernie Sanders. 2018 arbeitete er in Moskau für die Kandidatin Xenija Sobtschak, die damals gegen Präsident Wladimir Putin antrat. Im gleichen Jahr beriet Shkliarov in Georgien den Präsidentschaftskandidaten der Opposition.

          Immer wieder kritisierte er in Zeitungsartikeln das Lukaschenka-Regime, veröffentlichte auch Ende 2018 in der F.A.Z. einen Gastbeitrag (https: //www.faz.net/aktuell/politik/ausland/gastbeitrag-zur-ukraine-krise-putins-krim- 2-0-15922769.html) zu der Frage, ob Belarus „Putins Krim 2.0“ werde. Ein weites Profil. Als Shkliarov verhaftet wurde, bestritt Diktator Lukaschenka seinen Wahlkampf noch mit einem russischen Bedrohungsszenario. Praktisch zeitgleich mit Shkliarov wurden mehr als dreißig „russische Söldner“ verhaftet.

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