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Diplomatie : Deutscher Botschafter in Kongo abberufen

  • -Aktualisiert am

Kabila soll von Buchholz ganz undiplomatisch „regelrecht gefaltet” worden sein Bild: AFP

Offiziell hält sich Botschafter Reinhard Buchholz aus „persönlichen Gründen“ in Deutschland auf. Doch nach Informationen der F.A.Z. wurde er mit einem „One-Way-Ticket“ zurückbeordert. Hintergrund soll das zerrüttete Verhältnis zu Präsident Kabila sein.

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          Mitten in der heißen Phase der kongolesischen Präsidentschaftswahl hat die Bundesregierung ihren Botschafter in Kinshasa, Reinhard Buchholz, in der vergangenen Woche nach Berlin zurückbeordert.

          Zum neuen Geschäftsträger der deutschen Botschaft in Kongo-Kinshasa wurde Michael Klor-Berchthold bestellt, der bislang als politischer Berater für den Kommandeur der europäischen Eingreiftruppe für Kongo (Eufor), den deutschen General Karlheinz Viereck, arbeitete. Klor-Berchthold gilt als ausgewiesener Kenner der Verhältnisse in Kongo.

          Für eine Stellungnahme nicht zu erreichen

          In Berlin hieß es dazu, Botschafter Buchholz halte sich aus „persönlichen Gründen“ in Deutschland auf, und über seine eventuelle Rückkehr nach Kinshasa sei noch nicht entschieden. Nach Informationen der F.A.Z. aber hatte Buchholz mit einem „One-Way-Ticket“ das Land verlassen, was einer definitiven Abberufung gleichkommt.

          Hintergrund der angesichts des politischen Situation in Kongo überraschenden Entscheidung soll einerseits Buchholz' zerrüttetes Verhältnis zum Präsidenten der kongolesischen Übergangsregierung, Joseph Kabila, gewesen sein, andererseits Irritationen über den Botschafter innerhalb der für Eufor truppenstellenden europäischen Nationen. Buchholz selbst war am Sonntag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

          Ein „deutliches Wort“ mit Kabila gewechselt

          Buchholz hatte zu der Gruppe von 15 Botschaftern gehört, die sich am 21. August in der Residenz von Kabilas Herausforderer, Jean-Pierre Bemba, befunden hatte, als diese von der Präsidentengarde Kabilas mit Panzern angegriffen worden war. Zusammen mit Bemba hatten die Botschafter Schutz im Keller der Residenz suchen müssen und waren erst durch UN- und Eufor-Soldaten aus ihrer mißlichen Lage befreit worden.

          Nach Informationen aus Kinshasa hatte der deutsche Botschafter im Anschluß an diesen Angriff ein „deutliches Wort“ mit Kabila gewechselt. Anderen Quellen zufolge hatte Buchholz den 35 Jahre alten Kabila auf sehr undiplomatische Art „regelrecht gefaltet“, was Kabila wiederum sehr übelgenommen haben soll.

          Versäumt, seinen Streit mit Kabila zu melden

          Sichtbarstes Zeichen dieser Verstimmtheit sei die Weigerung Kabilas gewesen, Verteidigungsminister Jung im September in Kinshasa zu empfangen. Tatsächlich hatte der Minister stundenlang auf einen Termin bei Kabila gewartet, der über die Botschaft organisiert worden war, bevor Kabila das Treffen absagen ließ.

          Allerdings war zu diesem Zeitpunkt - Ende September, Anfang Oktober - mit Ausnahme des belgischen Verteidigungsminister André Flahaut kein ausländischer Politiker im Präsidentenpalast vorgelassen worden. Unklar aber ist zur Zeit, ob Buchholz es versäumt hatte, seinen Streit mit Kabila nach Berlin zu melden und das Auswärtige Amt nach Jungs vergeblichem Warten folglich auf dem falschen Fuß erwischt worden war.

          Daß der Streit zwischen Kabila und Buchholz mehr als nur eine Lappalie war, zeigen jedenfalls die bislang vergeblichen Bemühungen des neuen Geschäftsträgers, mit dem Präsidenten wieder ins Gespräch zu kommen. Nach Informationen der F.A.Z. wurden sogar Privatleute darum gebeten, den Kontakt wiederherzustellen.

          „Nationaler Blick auf eine multinationale Truppe“

          Neben der Auseinandersetzung mit Kabila hatten sich auch innerhalb der Europäischen Union Irritationen über den deutschen Botschafter eingestellt. Grund hierfür soll Buchholz' primäres Interesse am deutschen Truppenteil von Eufor in Kinshasa gewesen sein.

          Das könne einem deutschen Botschafter zwar nicht zum Vorwurf gemacht werden, doch sei dadurch „das große Bild“ in den Hintergrund gerückt, wie es ein Beobachter formulierte. Speziell Frankreich, das den Großteil der direkt in Kinshasa stationierten Soldaten stellt, habe sich mehrfach gewundert über den „strikt nationalen Blick auf eine multinationale Truppe“.

          Die Franzosen „machen, was sie wollen“

          In diesem Zusammenhang ist viel von „fehlender Harmonie“ die Rede. Dabei ist die Zusammenarbeit zwischen deutschen und französischen Eufor-Offizieren in Kongo offenbar alles andere als spannungsfrei. Von Seiten der Bundeswehr jedenfalls häufen sich die Beschwerden über die Arroganz der Franzosen, die, so ein Offizier, „machen, was sie wollen“.

          Buchholz' Abberufung hat nichts mit seinem angeblichen Werben für eine Verlängerung des Eufor-Mandats über den 30. November hinaus zu tun. Buchholz hatte nie einen Hehl aus seiner Ansicht gemacht, das Mandat fristgerecht zu beenden.

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