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Diktatur in Argentinien : Verbrechen ohne Verjährung

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Alt, aber nicht reuig: Die Diktatoren Videla (links sitzend) und Bignone während der Urteilsverkündung Bild: dpa

Während der Diktatur in Argentinien wurden gefangenen Frauen ihre Kinder systematisch geraubt. Der frühere Diktator Videla ist dafür jetzt verurteilt worden.

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          Für die Verbrechen, die unter seiner Herrschaft begangen worden sind, ist der 87 Jahre alte frühere argentinische Diktator Rafael Videla schon Ende 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Nun ist noch einmal eine Verurteilung zu 50 Jahren Haft wegen systematischen Kindesraubs hinzugekommen: Ein Gericht in Buenos Aires hat festgestellt, dass während der Diktatur von 1976 bis 1983 in den Folterzentren des Militärs gefangenen Frauen regelmäßig die Kinder nach der Geburt weggenommen und an regimetreue Familien zur Adoption weitergegeben wurden. Das war nach Auffassung der Richter systematisch und in großem Umfang begangener Kindesraub.

          Die Schergen der Junta hätten seinerzeit die Identität der Kinder geändert oder ausgelöscht, während ihre Mütter entführt, gefangen gehalten und getötet wurden oder seitdem verschwunden sind. Die Taten seien Menschenrechtsverletzungen gewesen innerhalb eines „allgemeinen Plans der Vernichtung eines Teils der Zivilbevölkerung unter dem Vorwand des Kampfes gegen die Subversion, mit der Anwendung von Methoden des Staatsterrorismus“, stellte das Gericht fest.

          Zwei Beschuldigte freigesprochen

          Videla nahm das Urteil regungslos entgegen. Der mittlerweile fast 87 Jahre alte frühere Juntachef und acht weitere Angeklagte behaupteten stets, es habe sich bei den Zwangsadoptionen um Exzesse in Einzelfällen gehandelt. In seiner Schlussrede vor dem Gericht hatte sich der frühere Diktator zu der Feststellung verstiegen, die festgenommenen schwangeren Frauen seien aktive Mitglieder des „terroristischen Apparats“ gewesen und hätten ihre „embryonalen Kinder“ als „Schutzschild“ missbraucht. Zu der Verteidigungsstrategie der insgesamt elf Angeklagten gehörte auch die Behauptung, es habe keine Befehle „von oben“ gegeben, die Kinder schwangerer Gefangener zu entführen und sie linientreuen Familien zu übergeben.

          Nach der Urteilsverkündung: Freude vor dem Gerichtssaal
          Nach der Urteilsverkündung: Freude vor dem Gerichtssaal : Bild: dpa

          Inzwischen sind 105 der damals in Gefangenschaft ihrer Mütter geborenen und zur Adoption vorwiegend an Familien von Militärs und Polizisten übergebenen Kinder zweifelsfrei identifiziert worden, schätzungsweise weitere 400 sind damals ihren Müttern weggenommen worden.

          In der früheren „Mechanikschule“ der Marine (Esma), dem größten Folterzentrum, und in anderen geheimen Einrichtungen gab es regelrechte Entbindungsstationen. Der damalige Geheimdienstchef in der Esma, Jorge „der Tiger“ Acosta, der über Tod und Leben der Gefangenen entschied, erhielt jetzt eine Gefängnisstrafe von 30 Jahren und der Admiral Oscar Antonio Vañek, der die operative Leitung innehatte, 40 Jahre. Der Arzt, der die Schwangeren in der Esma „betreute“, Jorge Magnacco, wurde mit zehn Jahren, der Diktator Reynaldo Bignone mit 15 Jahren Haft bestraft. Zwei Beschuldigte wurden freigesprochen.

          „Genugtuung für die ganze Gesellschaft“

          In dem Prozess ging es um 35 Fälle von Kindesraub, von denen inzwischen 28 aufgeklärt sind. Zu den einwandfrei identifizierten Entführungsopfern zählen Macarena Gelman, die Enkelin des Dichters Juan Gelman, und die Parlamentsabgeordnete Victoria Donda, deren Eltern in der Esma von einem Verwandten gefoltert wurden. „Dieser Spruch ist nicht nur eine Genugtuung für die Opfer, ihre Familien und Freunde, sondern für die ganze Gesellschaft“, sagte Victoria Donda nach der Urteilsverkündung.

          Die Mehrzahl der in der Diktatur als Säuglinge entführten Opfer ist erst in den vergangenen Jahren mit Hilfe der Gentechnik identifiziert worden. Entscheidenden Anteil an der Wiederauffindung der Kinder ihrer verschwundenen oder nachweislich getöteten Töchter hat die Organisation der „Großmütter der Plaza de Mayo“. Sie hat eine Gendatenbank eingerichtet. Dort werden die Genproben von jungen Argentiniern, die Zweifel an ihrer Herkunft haben, mit jenen der Großmütter verglichen.

          Die Verurteilung Videlas und der übrigen Angeklagten ist erst nach der Aufhebung der Amnestiegesetze (Gehorsamspflicht- und Schlusspunktgesetz) und der vom früheren Präsidenten Carlos Menem ausgesprochenen Begnadigungen 2007 durch das Oberste Gericht möglich geworden. Bei den ersten Prozessen 1985 gegen die Junta war das Delikt nicht Gegenstand des Verfahrens, weil es damals an ausreichenden Beweisen fehlte. Bei der Verabschiedung der Amnestiegesetze hatte der argentinische Kongress den damals noch mutmaßlich systematischen Kindesraub in der Diktatur jedoch als Verbrechen bezeichnet, das nicht verjährt, und damit den Weg für spätere Prozesse offengehalten.

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