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Die zweite Front im Kaukasus : Abchasien kämpft auf Bitten Moskaus

  • -Aktualisiert am

Russiche Truppen am Sonntag in Abchasien Bild: AP

Nach der Rückeroberung Südossetiens durch russische Truppen ist Abchasien zum neuen Kriegsschauplatz auf dem Kaukasus geworden. UN-Beobachter fürchten die Milizen in der abtrünnigen Provinz. Sie seien unberechenbar. Es gibt Warnungen vor ethnischen Säuberungen.

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          Sergej Schamba, der De-facto-Außenminister der von Georgien abtrünnigen Provinz Abchasien, hat es offen zugegeben: Die Eröffnung einer zweiten Front in Abchasien nach Beginn der Kämpfe in Südossetien sei auf Bitten Moskaus erfolgt. Es geht zum einen darum, georgische Streitkräfte an der Waffenstillstandslinie am Iguri-Fluss zu binden. Man versprach zwar, die Linie nicht zu überschreiten. Doch in der UN-Beobachtermission Unomig ist zu hören, abchasische Milizen hätten genau das getan, zwangsläufig mit Duldung der russischen „Friedenstruppe“ aus etwa 4000 Soldaten.

          Das zweite Ziel der abchasischen Führung (ebenfalls mit Moskaus Zustimmung) besteht darin, georgisches Militär aus dem nördlichen Teil des Kodori-Tals hinauszudrängen und Abchasien so vom letzten Überbleibsel georgischer Herrschaft in Abchasien zu säubern.

          Der Räuberhauptmann von Abchasien

          Denn dieser nur schwer zugängliche Teil des Tals ist der einzige Ort in Abchasien, an dem die Tifliser Zentralgewalt nach dem Bürgerkrieg zu Beginn der neunziger Jahre, der zur faktischen Loslösung Abchasiens geführt hatte, noch präsent war. Sergej Bagapsch, der De-facto- Präsident Abchasiens, sagte dieser Zeitung unlängst in Suchumi, dass diese georgische Präsenz bis vor zwei Jahren keine größeren Probleme bereitet habe. Im Auftrag von Tiflis übte dort bis vor zwei Jahren der Chef einer Miliz, Emsar Kwitsijani, die Aufgaben eines Gouverneurs aus, entwickelte sich aber zunehmend zu einer Art Räuberhauptmann, der sich der Zentrale kaum noch unterordnete.

          Russische Truppen am Dienstag in Gali/Abchasien

          Im Sommer 2006 beseitigte Georgien in einer Militäraktion die Herrschaft Kwitsijanis, der nach Russland geflohen sein soll. Präsident Saakaschwili erklärte den nördlichen Teil des Tals zum Gebiet „Oberabchasien“. Offenbar war daran gedacht, die neue Struktur zu einer Art Gegenregierung zu der separatistischen Regierung in Suchumi aufzuwerten. Der Sicherheitsrat der UN verurteilte die Aktion der Georgier; sowohl Russland als auch Abchasien sahen darin eine Verletzung des Waffenstillstandsabkommens von 1994 und forderten deshalb den Abzug des georgischen Militärs und der schweren Waffen aus dem Kodori-Tal. Georgien behauptete dagegen, dass sich im nördlichen Kodori-Tal nur Polizeikräfte befinden würden.

          Zuletzt sollen sich im nördlichen Teil des Tals aber etwa 3500 georgische Soldaten befunden haben. Artilleriebeschuss und Bombardements haben in den letzten Tagen die georgischen Kräfte zermürbt. Abchasische Streitkräfte begannen am Dienstag eine Offensive in dem Tal, in dem bis zum Ausbruch des Krieges Posten der russischen Friedenstruppe stationiert waren. Die unbewaffneten UN-Beobachter sollen bereits seit längerem nicht mehr patrouilliert haben. Die separatistische Führung Abchasiens nutzt die Gelegenheit des Kriegs in Südossetien, nun die abchasische Provinz von den Überbleibseln georgischer Herrschaft zu säubern. Das geschieht unter dem Schutz der Russen. Sie hatten die Zahl ihrer Truppen in Abchasien dieser Tage abermals erheblich verstärkt – angeblich, um eine Wiederholung der südossetischen Ereignisse in Abchasien zu verhindern.

          Alkoholmissbrauch unter Milizen

          Das Mandat der UN-Beobachtermission muss turnusgemäß im Oktober vom Sicherheitsrat verlängert werden. Damit ist nun kaum mehr zu rechnen. Die Beobachter selbst (130 Militärbeobachter, 15 Polizisten und 180 Zivilisten) sehen nicht, wie sie ihren Auftrag noch erfüllen könnten – etwa den, georgischen Flüchtlingen aus dem Krieg von 1992/93 die Rückkehr nach Abchasien zu ermöglichen. Die Unomig hat am Dienstag die Patrouillentätigkeit in ihrem Einsatzgebiet 24 Kilometer dies- und jenseits der Waffenstillstandslinie an den Standorten Zugdidi (Georgien) und Gali (Abchasien) aus Sicherheitsgründen weitgehend eingestellt.

          In der Mission gelten die in der Region jetzt vorgehenden abchasischen Milizen als undiszipliniert, schlecht organisiert und den UN-Patrouillen gegenüber häufig feindselig gesinnt. Nicht zuletzt wegen des unter den Milizionären weit verbreiteten Alkoholmissbrauchs unter Waffen halten UN-Beobachter die Milizen für unberechenbar.

          Lokale Beschäftigte der UN in der Region berichteten am Dienstag vom Vorgehen der Milizen gegen Zugdidi, eine Stadt im georgischen Kernland unweit der Waffenstillstandslinie. Dort und in Flüchtlingslagern in der Umgebung lebt noch ein Teil der etwa 250 000 während des Krieges 1992/93 aus Abchasien vertriebenen Georgier. Sie warten seit mehr als 14 Jahren auf die im Moskauer Abkommen vereinbarte Rückkehr in ihre Heimat. Ortskräfte der UN sprechen von ethnischer Vertreibung und von Morden. In der UN-Mission wird davon gesprochen, die Abchasen wollten sich auf diese Weise endgültig der Flüchtlinge „vor ihrer Haustür“ entledigen, deren Rückkehr in die Heimat sie seit Jahren blockieren.

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