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Zustände in Flüchtlingslagern : „Einfachste menschliche Bedürfnisse werden nicht erfüllt“

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Die Konsequenzen: mangelnde Hygiene und Krankheiten wie Diarrhö, Atemwegs- und Hautinfektionen sowie eine breite Spanne an psychischen Erkrankungen. „Alle Krankheiten, die wir hier sehen, hängen mit den Bedingungen zusammen, in denen die Leute hier festgehalten werden“, sagt die Ärztin. „Es gibt Grundbedürfnisse, die jedem auf dieser Welt zustehen sollten und es ist frustrierend zu sehen, dass Personen, die sich in einer offiziellen Einrichtung der EU befinden, gezwungen werden, unter diesen Bedingungen zu leben.“

Die medizinischen Bedingungen seien unzureichend. Es gebe zwar Mitarbeiter des griechischen Gesundheitsministeriums im Lager, allerdings seien diese hauptsächlich für die Überprüfung des Gesundheitsstatus im Asylprozess zuständig. Die ärztliche Grundversorgung liege in den Händen zweier Freiwilligenorganisationen. „Wie ist es möglich, dass in einer offiziellen europäischen Aufnahmeeinrichtung die medizinische Grundversorgung von Freiwilligen übernommen werden muss?“, fragt sich Willeman.

„Das ist eine normale Reaktion, auf diese anormale Situation“

Zusätzlich zu den physischen Erkrankungen seien die meisten der Schutzsuchenden in Moria durch die Geschehnisse in ihren Heimatländern oder die Flucht traumatisiert. „Die Menschen kommen mit den schrecklichsten Geschichten hier an – und dann finden sie ihren Weg in ein Lager wie Moria, wo die einfachsten menschlichen Bedürfnisse nicht erfüllt werden“, erzählt Willeman. Dazu komme die Unsicherheit darüber, wie lange sie an diesem Ort bleiben müssen. In der pädiatrischen Klinik auf der Insel beobachte man schon bei Kindern Verhaltensänderungen wie Albträume oder Aggressivität. „Und das ist irgendwie eine normale Reaktion auf diese anormale Situation“, sagt Willeman.

Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen befinden sich in Griechenland derzeit mehr Asylsuchende, also Personen, die auf die Bearbeitung ihres Asylantrags warten, als bereits anerkannte Flüchtlinge. Das Asylverfahren zieht sich teilweise über Jahre. Das merke man auch auf Lesbos: Menschen, die heute ankommen, bekämen erst im Jahr 2020 oder 2021 einen Termin für ihr Asylinterview. Mit Glück kämen sie in der Wartezeit bis zum griechischen Festland, weiter gehe es ohne abgeschlossenes Asylverfahren nicht. Und keiner weiß, wann es soweit ist.

Jetzt im Winter kommen zwar weniger Flüchtlinge an, aber im Frühling, da ist sich Willeman sicher, fängt es von vorne an: Menschen kommen nach Moria – und nicht weiter. Das Lager ist überfüllt. Proteste werden laut. Die griechische Regierung muss reagieren. Ein Teil der Menschen wird auf das griechische Festland gebracht. Dann kommt wieder der Winter und der nächste Frühling. Man könne aber nicht nur die griechische Regierung verantwortlich machen, betont Willeman. Auch die EU stehe in der Pflicht. „Am Ende ist es eine geteilte Verantwortung.“

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