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Tod von Kofi Annan : Kein Wort von Trump

  • Aktualisiert am

Prägend als UN-Generalsekretär: Kofi Annan (2005) Bild: AP

Staatschefs, ehemalige Begleiter und Menschenrechtsorganisationen würdigen das Werk von Kofi Annan. Nur der amerikanische Präsident kann sich nicht zu einem Statement durchringen.

          Er war einer der ersten großen internationalen Politiker. Weltweit bekannt und für die Welt im Einsatz. Der frühere Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Er erlag einer nicht näher bekannten kurzen Krankheit in seiner Wahlheimat Schweiz, wie seine Familie und seine eigene Stiftung bekannt gaben. Viele ehemalige Weggefährten haben sich zu Wort gemeldet und dem Ghanaer, der als erster Afrikaner südlich der Sahara den Vorsitz des wichtigsten internationalen politischen Gremiums inne hatte, gewürdigt. Darunter sein Nachfolger António Guterres. „Kofi Annan war ein treibende Kraft des Guten“, sagte der Portugiese. „In vielerlei Hinsicht war Kofi Annan die Vereinten Nationen.“

          Annan, der beinahe sein komplettes Leben bei den UN verbrachte, erlebte während seiner rund fünf Jahrzehnte dort mehrere Kriege – im Nahen Osten, auf dem Balkan und Genozide in Afrika – und setzte sich dabei stets für den Frieden ein. Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte das: „In seinen neun Jahren als Generalsekretär hat Kofi Annan die Vereinten Nationen geprägt wie kaum ein anderer. Es wird unvergessen bleiben, wie unerschütterlich er für Frieden, Sicherheit, Entwicklung und Menschenrechte eintrat“, sagte sie. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte sich ähnlich, hob hervor, dass Annan die besondere Gabe gehabt hätte, „sich des Leids eines jeden Einzelnen ebenso anzunehmen wie den großen Fragen der internationalen Ordnung.“ Sein SPD-Kollege und Außenminister Heiko Maas erinnerte daran, dass das Engagement Annans in der gegenwärtigen Welt mehr denn je gebraucht werde. „Seine Stimme werden wir schmerzlich vermissen.“

          Der amerikanische Außenminister Mike Pompeo brachte am Samstag ebenfalls seine Trauer zum Ausdruck
          und würdigte die Leistungen des Diplomaten. „Herr Annan hat
          während seiner langen Tätigkeit bei den Vereinten Nationen ein Leben lang für Frieden und Menschenwürde gekämpft“, heißt es in einer Mitteilung Pompeos.

          Nach Staats- und Regierungschefs aus aller Welt ist Pompeo der erste führende Regierungsvertreter Amerikas, der sich zum Tod Annans äußert.

          Präsident Donald Trump ging zunächst nicht an die Öffentlichkeit und
          widmete sich stattdessen anderen Themen. Annan hatte sich noch vor sechs Monaten über den moralischen Abstieg der Vereinigten Staaten beklagt, den er unter Trump wahrnahm. 2003 war Annan außerdem mit dem Konservativen John Bolton, heute nationaler Sicherheitsberater von Trump, in Konflikt geraten, nachdem er sich kritisch zur Rolle Amerikas im Irakkrieg geäußert hatte.

          Zuletzt kämpfte Annan mit großer Vehemenz gegen den Bürgerkrieg in Syrien, kritisierte in seiner 2012 erschienenen Biografie „Ein Leben in Krieg und Frieden“ vor allem den syrischen Staatschef Baschar al-Assad, dem er vorwirft, sich an die Macht zu klammern. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron will dies nicht vergessen wissen. „Wir werden weder seinen ruhigen und entschlossenen Blick noch die Kraft seiner Kämpfe vergessen“, sagte er. Auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker möchte den Diplomaten noch lange in Erinnerung behalten wissen. „Die größte Anerkennung, die wir ihm geben können, ist, sein Vermächtnis und seinen Geist am Leben zu erhalten.“

          Kofi Annan ist tot. Der frühere UN-Generalsekretär starb am 18. August im Alter von 80 Jahren. Das Foto zeigt ihn 2012 am Sitz der Vereinten Nationen in Genf. Bilderstrecke

          Annan wird zwar auch vorgeworfen, nur zurückhaltend – und teilweise auch zu spät – mit möglichen Einsätzen der Blauhelm-Missionen der Vereinten Nationen umgegangen zu sein, etwa beim Völkermord 1994 in Ruanda oder bei den Tötungen von Muslimen im bosnischen Srebencia im folgenden Jahr, doch grundsätzlich wird ihm angerechnet, die Welt zu einem friedlicheren Ort gemacht zu haben. So würdigte Großbritanniens Premierministerin Theresa May Annan. „Er hatte einen enormen Anteil daran gehabt, dass die Welt, die er verlassen hat, ein besserer Ort ist als die, in die er hineingeboren wurde“, sagte die 61-Jährige. Russlands Präsident Wladimir Putin übermittelte seine Trauerbekundungen an den derzeitigen UN-Generalsekretär Guterres und schrieb, dass er Annan für seine Geist und seine Courage bewunderte. „Die Russen werden im Herzen immer seiner gedenken.“ Israel würdigte Annan als „einen Meister der vielseitigen Diplomatie“ und Kämpfer gegen die Leugnung des Holocausts. „Als UN-Generalsekretär widerstand er der Delegitimierung Israels“, hieß es in einer Mitteilung des Außenministeriums.

          Barack Obama nannte Annan einen „Menschenfreund“. Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler sagte, dass der Ghanaer mit seinem feinen Humor, seiner leisen Standhaftigkeit und seiner enormen Empathie bis zuletzt Millionen von Menschen inspirierte, während SPD-Chefin Andrea Nahles an den Friedensnobelpreis erinnerte, den Annan 2002 gemeinsam mit den Vereinten Nationen zugesprochen bekam. „Seine Bemühungen, den Vereinten Nationen eine starke Stimme im weltweiten Kampf gegen Armut, Krankheit und Gewalt zu geben, wurden zu Recht mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt“, sagte sie.

          Nach Ansicht von Amnesty International hat die Menschheit mit seinem Tod eine große Führungspersönlichkeit verloren. „Kofis Engagement und Tatkraft für eine friedlichere und gerechte Welt, sein lebenslanger Einsatz für die Menschenrechte und seine Würde und sein Anmut, mit denen er führte, werden schmerzlich vermisst werden“, teilte der Generalsekretär der Organisation, der südafrikanische Menschenrechtsaktivist Kumi Naidoo, mit. Er habe mit Annan zu Themen wie Armut und Klimawandel zusammengearbeitet.

          In der Heimat kündigte Ghanas Staatspräsident Nana Akufo-Addo eine siebentägige Trauerfeier an – und erinnerte daran, wie sehr Annan sein Land durch sein Auftreten unterstützt habe. „Er hat unserem Land durch sein Amt, sein Verhalten und sein Auftreten auf der Weltbühne zu beträchtlichem Ansehen verholfen“, sagte der 74 Jahre alte Politiker. Von Montag an sollen die Flaggen im westafrikanischen Land auf Halbmast hängen.

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