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Putin und Erdogan : Zynisches Spiel in Syrien

Gespräche in Moskau: Putin und Erdogan am Ende ihres Treffens am 5. März Bild: EPA

Auf den ersten Blick ist der russische Präsident der Sieger: Die in Moskau vereinbarte Waffenruhe zementiert die Gebietsgewinne der syrisch-russischen Truppen in Idlib. Doch dass ihr Vormarsch fürs erste gestoppt ist, dürfte Putin ebenfalls recht sein.

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          Die Verlierer des zynischen Spiels, das die Präsidenten der Türkei und Russlands gerade in Syrien spielen, stehen schon fest: die Menschen in Idlib. Wer in welchem Maße dabei gewinnt, ist hingegen noch offen. Auf den ersten Blick spricht vieles dafür, dass der Sieger Wladimir Putin heißt. Denn nicht er hat die in Moskau vereinbarte Waffenruhe dringend nötig gehabt, sondern Recep Tayyip Erdogan.

          Der türkische Machthaber hat sich mit seinem Eingreifen in Idlib militärisch verkalkuliert und steht wegen der Verluste der türkischen Truppen innenpolitisch unter Druck. Für ihn wäre es ein Problem, wenn die Menschen, die bisher in der Region Idlib auf der Flucht sind, durch einen weiteren Vormarsch der syrisch-russischen Allianz über die Grenze in die Türkei getrieben würden. Hinzu kommt: Seine Rechnung, sich durch Aufkündigung des Flüchtlingsabkommens mit der EU – real oder propagandistisch – Entlastung zu verschaffen, geht bisher nicht so recht auf.

          Die Situation an der türkisch-griechischen Grenze ist ein weiterer Punktgewinn für Putin: Eine neuerliche Flüchtlingskrise würde die Risse in der EU, auf deren Spaltung er es seit Jahren anlegt, weiter vertiefen. Dass die Europäer wegen der von ihm mitverantworteten Kriegsverbrechen in Syrien neue Sanktionen gegen Russland verhängen, muss Putin nicht fürchten. Sie suchen, durchaus vorhersehbar, das Gespräch mit ihm, um noch Schlimmeres abzuwenden.

          Erdogan hat Zeit gewonnen

          Erdogan hat sich in Moskau auf eine Vereinbarung eingelassen, die die Gebietsgewinne der syrischen Regierungstruppen sichert und seine Position schwächt. Er hat sich damit Zeit für die Suche nach gesichtswahrenden Auswegen erkauft. Dass die Kämpfe wieder aufflammen werden, ist ebenso sicher, wie das zuvor in allen anderen von Putin und Erdogan vereinbarten „Deeskalationszonen“ der Fall war.

          Bremsend könnte allenfalls wirken, dass Putin kein Interesse daran hat, dass der Diktator Assad wieder ganz Syrien unter seiner Kontrolle hat. Denn damit würde seine Abhängigkeit von Moskau schwinden – und damit dessen Einfluss in der Region.

          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.

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