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Die Verhandlungen von Minsk : Ein russisches Spiel

Kräftezehrende Verhandlungen: Immer wieder setzten Wladimir Putin, Angela Merkel, François Hollande und Petro Poroschenko neu an. Die Nacht wird dabei länger und länger. Bild: dpa

Siebzehn Stunden lang verhandeln. Es geht um einen Waffenstillstand in der Ukraine. Putin bleibt beinhart. Die Kanzlerin verliert die Geduld. Protokoll eines Nervenkriegs.

          7 Min.

          Es ist schon Donnerstagmorgen, als Laurent Fabius die Müdigkeit übermannt. Der französische Außenminister schläft ein Stündchen auf einem Sofa, das in einem weitläufigen Saal im Minsker Palast der Unabhängigkeit steht. Dort wird seit Stunden verhandelt. Auch François Hollande nickt ein, als Ukrainer, Deutsche und Franzosen wieder einmal darauf warten, wie die Russen entscheiden werden. Am Ende, gegen 10 Uhr morgens Ortszeit, hat man fast 17 Stunden mit ihnen gerungen. Selbst hart gesottene, russlanderprobte Diplomaten haben Ähnliches noch nie erlebt. Angela Merkel, Wladimir Putin und der ukrainische Präsident Petro Poroschenko haben gar nicht geschlafen. Man sieht es ihnen am Morgen an. Der Russe ist bleich, der Ukrainer hat Tränensäcke, er war vor dem Treffen in Minsk noch an der Front im Osten seines Landes. Hollande erscheint unrasiert. Die Kanzlerin schneidet noch am besten ab.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Einen Nervenkrieg lieferten sich Merkel, Hollande und Poroschenko mit Putin, um einen wirklichen Krieg, der schon viele Tausende Opfer gekostet hat, zu beenden. Das versuchten der französische Präsident und die Kanzlerin schon seit Wochen, aber das Treffen in Minsk galt als entscheidend. Merkel und Hollande hatten es in Kiew und Moskau vorbereitet, die Kanzlerin hatte sich in Washington Rückendeckung bei Barack Obama geholt. Die Beamten der Außenministerien hatten an einem Vertragstext gefeilt, Dutzende Versionen erstellt, die engsten Berater waren schon vorher nach Minsk gereist. Doch entschieden war am Mittwochabend noch nichts.

          Putins Trumpf und Merkels Vorschlag

          Die Russen hatten von Anfang an die besseren Karten in der Hand. Und sie waren bereit zu zocken. Gleich an der wichtigsten Frage, der nach dem Waffenstillstand, drohte das ganze Treffen zu scheitern. Denn Wladimir Putin präsentierte seinen Trumpf. Er heißt Debalzewe. In der kleinen Stadt in der Ostukraine, 70 km nordöstlich von Donezk, sind 5000 Mann der ukrainischen Streitkräfte eingekesselt. Das ist fast ein Drittel der Soldaten, die Kiew derzeit an der Front hat, ein Sechstel aller Streitkräfte. Das schwächte die Verhandlungsposition des ukrainischen Präsidenten. Putin verlangte, dass die ukrainische Soldaten kapitulieren sollen, bevor überhaupt über einen Waffenstillstand gesprochen werden könne. Poroschenko erregte sich. Es gebe keinen Kessel bei Debalzewe, sagte er. Und die Bedingung Putins, mit dem er sich duzt, sei völlig inakzeptabel. Niemals, niemals werde er Debalzewe übergeben. Stundenlang wurde gestritten, es gab kein Fortkommen. Angela Merkel schlug vor, sich nicht an diesem Punkt zu verhaken. Man solle erst die anderen Dinge besprechen. So tat man es.

          Geredet wurde in unterschiedlichen Runden. Der große Saal bot dazu die Möglichkeit. Mal sprachen die vier Staats- und Regierungschefs stehend in einer Ecke, mal setzten sie sich in eine andere. Mal waren die Außenminister dabei, mal führten sie eigene Gespräche. Die Chefs blieben aber stets das Zentrum des Geschehens. Wie ein Bienenschwarm folgten ihnen die Berater und eine Gruppe von Dolmetschern durch den Raum. Merkel und Putin sprachen abwechselnd deutsch, russisch und englisch, Poroschenko russisch und englisch, Hollande französisch und englisch. Alle Delegationen hatten ihre eigenen Übersetzer mitgebracht, bei den Deutschen waren es vier. Ein Nebenraum bot den Chefs die Gelegenheit, sich zurückzuziehen, auch ohne Minister und Berater zu verhandeln. Das nutzten sie immer wieder. Dabei soll auch über Sanktionen gesprochen worden sein.

          Der zweite große Streitpunkt waren die Schließung und die Kontrolle der Grenze zwischen Russland und der Ostukraine. Über die Grenze erhalten die Separatisten Nachschub von ihrer russischen Schutzmacht, über sie kommt das schwere militärische Gerät, Panzer, Artillerie, Munition, über sie sickern die russischen Spezialeinheiten und Freiwilligen ein, auch die Hilfsgüter werden auf diesem Weg in die Ostukraine gebracht. Vor einer Woche hat der dreizehnte Konvoi aus Russland das Separatistengebiet erreicht mit 1800 Tonnen Hilfsgütern, seit August haben die Russen 170 000 Tonnen geliefert.

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