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Verdächtige Ukraine-Veteranen : Mörder statt Helden?

Andrij Antonenko gilt als der Organisator der Gruppe, die den Mord an Scheremet geplant haben soll. Bild: AFP

Der ungeklärte Mord an dem bekannten Journalisten Pawel Scheremet in Kiew bewegt die Ukraine seit drei Jahren. Nun gibt es fünf Verdächtige – sie sind allesamt Veteranen.

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          Das Bild eines Veteranen und Freiwilligen ist das Bild eines Helden und Verteidigers“, schreibt Oksana Koljada, ukrainische Ministerin für Veteranen, am Samstag auf ihrer Facebook-Seite. „Und es kann nicht mit dem Bild von Mördern in Verbindung gebracht werden.“ Doch während Koljada diese Zeilen veröffentlicht, sitzen vier Personen in Untersuchungshaft, steht eine weitere unter Hausarrest – allesamt hatten sie in verschiedenen Funktionen an Militäreinsätzen in der Ostukraine teilgenommen. Der Vorwurf: Beteiligung an der Ermordung des bekannten Journalisten Pawel Scheremet.

          Sofia Dreisbach

          Redakteurin in der Politik.

          Sein Tod im Juli 2016 hatte ein politisches Erdbeben ausgelöst. Der 44 Jahre alte Journalist kam ums Leben, als eine Bombe unter dem Auto detonierte. Es gehörte seiner Lebensgefährtin Olena Pritula, damals Chefredakteurin der Internetzeitung „Ukrainska Prawda“. Wem von beiden hatte der Anschlag gegolten? Im Jahr 2000 war der erste Chefredakteur der Zeitung, Georgij Gongadse, entführt und ermordet worden. Pawel Scheremet war gebürtiger Weißrusse, er hatte von 1998 an erst in Russland gelebt und gearbeitet und wohnte zu jenem Zeitpunkt seit fünf Jahren in Kiew. Weil er für seine Kritik am Kreml bekannt war, äußerten einige ukrainische Politiker die Vermutung, die Spur der Täter führe nach Russland. Das russische Außenministerium wiederum sprach von der Ukraine als „Massengrab für Journalisten“.

          „Ergebnis sehr harter und stetiger Arbeit“

          Fast dreieinhalb Jahre nach dem Mord teilte die Kiewer Polizei am Donnerstag nun mit, drei Frauen und zwei Männer seien festgenommen worden. Dies sei das „Ergebnis sehr harter und stetiger Arbeit“, schrieb Innenminister Arsen Awakow auf Twitter. Die vormalige Regierung unter Präsident Petro Poroschenko war immer wieder dafür kritisiert worden, dass die Ermittlungen zum Mord an Scheremet ohne Ergebnis blieben. Nach seiner Wahl im Frühjahr dieses Jahres hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj darauf gedrungen, die Täter endlich zu finden. Er selbst war auch bei der Pressekonferenz am Donnerstag anwesend, ebenso wie Innenminister Awakow, Generalstaatsanwalt Ruslan Rjaboschapka und der stellvertretende Chef der ukrainischen Polizei, Ewgenij Kowal. Ziel der Täter sei es gewesen, mit dem Mord an Scheremet die „politische und gesellschaftliche Lage in der Ukraine zu destabilisieren“. Die Frage nach dem Auftraggeber dieser Morde gelte es jedoch noch zu beantworten, sagte Selenskyj.

          Die Festnahmen stellen die ukrainische Gesellschaft auf eine harte Probe. Nicht nur, weil alle fünf Verdächtigen im Krieg gegen die prorussischen Separatisten in der Ostukraine im Einsatz waren – und damit eigentlich großes Ansehen genießen. Noch unangenehmer ist, dass mindestens ein Täter aus dem rechtsradikalen Milieu der ukrainischen Freiwilligenverbände stammen soll. Laut den Ermittlern soll Andrij Antonenko, gemeinsam mit der Kinderchirurgin und Freiwilligen Julija Kusmenko, den Sprengsatz im Juli 2016 unter dem Auto angebracht haben. Er soll der Organisator des Anschlags gewesen sein. Doch in den Augen vieler Ukrainer war Antonenko bis dato ein Held: Er kämpfte erst als Freiwilliger und dann als Mitglied der Spezialkräfte in der Ostukraine und schrieb als Rockmusiker das Lied „Kam leise, ging leise“, das als inoffizielle Hymne der Spezialkräfte gilt. Im Sommer 2017 teilte der damalige Präsident Poroschenko ein Video davon auf Facebook und schrieb, viele könnten das Lied „auswendig“.

          „Ultranationalistische Ideen“

          Doch der 48 Jahre alte Antonenko, so heißt es von der Polizei, sei „fasziniert von ultranationalistischen Ideen“, kultiviere die „Überlegenheit der arischen Rasse“ und die „Aufteilung der Gesellschaft nach dem Grundsatz der Staatsangehörigkeit“. Er habe seine Ansichten zum Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit machen wollen. Auf seinem Facebook-Profil teilte Antonenko am 31. Dezember 2016 etwa das Bild eines Weihnachtsmanns in schwarzem Mantel, den Arm zum Hitlergruß gestreckt, auf der Mütze den Reichsadler, auf der Armbinde und dem Sack neben ihm ein Hakenkreuz. Antonenko wehrte die Vorwürfe am Samstag vor Gericht mit der Bemerkung ab, er selbst sei „halbjüdisch“.

          Die 40 Jahre alte Kinderchirurgin und mutmaßliche Mittäterin Kusmenko sowie Antonenko wurden nach Angaben der Ermittler auf Videoaufnahmen identifiziert, die sie dabei zeigen, wie sie den Sprengsatz unter dem Auto anbringen. Antonenko sei unter anderem aufgrund seines Gangs und einer Jacke mit speziellem Aufdruck erkannt worden, die er häufiger getragen habe. Außerdem seien die Mobiltelefone der Verdächtigen vor dem Anschlag ausgeschaltet gewesen und erst kurz danach wieder in Betrieb genommen worden – was ungewöhnlich für beide sei. Zu den weiteren Beschuldigten gehört die 26 Jahre alte Krankenschwester einer Fallschirmjäger-Einheit Jana Duhar. Überwachungskameras sollen sie dabei gefilmt haben, wie sie wiederum die Kameras am Tatort ausgekundschaftet und fotografiert habe.

          Veteranen zweifeln an der Schuld

          Das Ehepaar Inna und Wladyslaw Hryschtschenko, das auch am Anschlag auf Scheremet beteiligt gewesen sein soll, sitzt schon länger in Untersuchungshaft. Beide wurden in diesem Jahr wegen versuchten Mordes an einem Geschäftsmann in der Westukraine festgenommen. Er überlebte, weil die Bombe unter seinem Auto abgefallen war und nicht explodierte. Der vorbestrafte Wladyslaw Hryschtschenko ist nach Aussage der Ermittler ein Fachmann für Bomben; in beiden Fällen habe es sich um eine ähnliche Konstruktion gehandelt.

          Vor allem in den Kreisen der Veteranen und Freiwilligen gibt es Zweifel an der tatsächlichen Schuld der Verdächtigen. Wie schwierig die Aufarbeitung dieses Falls werden wird, zeigt auch die Reaktion der Veteranenministerin Koljada. In ihrer Facebook-Mitteilung am Samstag schrieb sie weiter, alle fünf seien ihr persönlich bekannt und hochgeschätzt in der Gemeinschaft. Die Vorwürfe gegen sie schmerzten sie persönlich. Koljada prophezeite: „Unabhängig von den Ergebnissen der Untersuchungen verliert in erster Linie der Staat an Ansehen.“

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