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Kiewer Schriftsteller zur Lage : „Die Ukrainer verteidigen ihr Recht auf Freiheit“

Zivilisten in Kiew trainieren am Samstag mit Holzattrappen den Umgang mit der Waffe im Rahmen der Kampagne Don't Panic! Prepare! Bild: dpa

Viele Ukrainer wollen im Kriegsfall in den Westen des Landes fliehen. Der Kiewer Schriftsteller Andrej Kurkow erklärt im Interview, was die Menschen fürchten und wozu sie entschlossen sind.

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          Herr Kurkow, Russland zieht Truppen zusammen, und der Westen befürchtet einen Angriff auf die Ukraine, womöglich in wenigen Tagen. Wie ist die Stimmung in ihrer Heimatstadt Kiew?

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Es ist ruhig. Es gibt keine Hamsterkäufe, und der Kurs der Währung ist einigermaßen stabil. Es sind nur weniger Menschen auf der Straße und in den Cafés. Und während man vor einem Monat grundsätzlich nicht über den Krieg gesprochen hat, hat sich das geändert: Man tauscht sich aus, wer was plant, sollte es zu einer russischen Aggression kommen. Soll man nach Lemberg fahren oder nach Iwano-Frankiwsk? Beide Städte liegen im Westen, und alle sagen, die Westukraine sei sicherer, und wollen dorthin auszuweichen.

          Am Freitag sollten eigentlich die Dreharbeiten zur Verfilmung Ihres Romans „Graue Bienen“ beginnen. Noch dazu nahe den besetzten Gebieten in der Ostukraine, wo seit 2014 von Russland gestützte Kämpfer stehen.

          Ja, das Filmteam sollte nicht weit von der Frontlinie drehen. Ich weiß jetzt nicht, ob sie dort angekommen sind oder nicht. Das Buch handelt von einem Bienenzüchter, der dort nahe der Front versucht, seinen Bienen ein Überleben zu ermöglichen. Es ist auf Deutsch und gerade auch auf Französisch erschienen.

          Sie wurden 1961 beim heutigen St. Petersburg geboren und schreiben russisch. Sind Sie das, was man als „ukrainischen russischsprachigen Patrioten“ bezeichnet?

          Seit 30 Jahren werde ich danach gefragt. Ich bin ethnisch russisch, aber politisch Ukrainer.

          Der Schriftsteller und Drehbuchautor Andrej Kurkow wurde 1961 bei St. Petersburg geboren. Seine Romane und Krimis („Picknick auf dem Eis“) erschienen auf deutsch bei Diogenes und Haymon und wurden in viele Sprachen übersetzt. Kurkow lebt in Kiew.
          Der Schriftsteller und Drehbuchautor Andrej Kurkow wurde 1961 bei St. Petersburg geboren. Seine Romane und Krimis („Picknick auf dem Eis“) erschienen auf deutsch bei Diogenes und Haymon und wurden in viele Sprachen übersetzt. Kurkow lebt in Kiew. : Bild: Pako Mera /Opale /Bridgeman Images

          Russlands Politiker behaupten, in der Ukraine würden russischsprachige Bürger diskriminiert, und deshalb wolle man sie „beschützen“.

          Ich fühle mich nicht diskriminiert. 50 Prozent der Ukrainer sprechen russisch, und niemand kann ihnen das verbieten. Diese Politiker wollen niemanden beschützen. Die wollen sich die Ukraine unter den Nagel reißen. Putin hat jetzt eine stärkere Motivation, die Ukraine anzugreifen, weil er es gerade geschafft hat, sich Belarus unter den Nagel zu reißen. Belarus ist jetzt faktisch Teil Russlands. Putin will auf seine alten Tage eine neue Sowjetunion oder ein neues Russisches Reich aufbauen. Dazu braucht er die Ukraine. Immerhin war Kiew historisch die Wiege der russischen Staatlichkeit.

          Manche ukrainische Zivilisten wollen zur Waffe greifen, falls Russland einen Einmarsch versucht.

          Mein Freund Danylo Janewskyj, Geschichtsprofessor und Journalist, hat am Samstag eine Stunde Schlange gestanden, um sich zur Territorialverteidigung zu melden. Er hat dann eine Schulung an der Waffe absolviert. Aber auch eine junge IT-Programmiererin aus Donezk, die wir kennen. Sie wird im Kriegsfall Sanitäterin sein.

          Infografik Ukraine
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          Was verteidigen diese Menschen genau?

          Sie verteidigen ihr Recht auf Freiheit. Die Ukraine gibt ihren Bürgern hundertmal mehr Demokratie als Russland den seinen. Die Ukrainer sind Anarchisten, Individualisten, fast immer liegen sie im Streit mit ihrer Regierung. Für die Ukrainer ist Freiheit ein höherer Wert als Stabilität. Bei den Russen ist es umgekehrt.

          In der Ostukraine gab es früher viel Sympathie für Russland. Hat Russlands Eingreifen dort seit 2014 abschreckend gewirkt?

          Die Menschen sehen, dass dort, jenseits der Front, Chaos, Armut und Kriminalität herrschen. Sie wollen nicht, dass sich das in ihrem Wohnort, ihrer Region wiederholt.

          Aber Panik gibt es nicht?

          Eine Hälfte der Bevölkerung glaubt nicht an einen Kriegsausbruch, die andere Hälfte hält Krieg für möglich. Aber wozu sich ängstigen, wenn doch noch nichts passiert ist? So denken viele Menschen.

          Was sollte der Westen jetzt tun?

          Der Westen sollte den diplomatischen Druck auf Russland fortsetzen. Damit Russland versteht: Wenn es diese Invasion startet, wird es völlig isoliert sein, von der Freundschaft mit China abgesehen. Jedenfalls wird Russland dann jede Perspektive verlieren, zu den zivilisierten europäischen Ländern gerechnet zu werden.

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